„Jeder Tag in der Wissenschaft hat eine gewisse Dramaturgie”
Wissenschaftliche Inhalte dramaturgisch und emotional erfahrbar machen. Nach diesem Konzept arbeiten Künstlerin Dr. Jana Heysel und Physiker Dr. Sascha Vogel von science42. Zusammen bieten sie den Workshop „Von Wissen zu Wirkung: Wissenschaft emotional erfahrbar machen“ auf dem Forum Wissenschaftskommunikation an. Über Dramaturgie im Forschungsalltag, Humor auch bei schwierigen Themen und den Wechsel von der „Forschungsbrille“ zur „Geschichtenbrille“ sprechen sie im Interview.
von Cora Schäfer
In eurem Workshop soll es um die „verborgene Dramaturgie wissenschaftlicher Inhalte” gehen. Worin liegt denn die Dramaturgie in Forschungsinhalten?
Jana Heysel: Bei Wissenschaftskommunikation wird ja häufig viel Wert auf Praxisvermittlung gelegt oder auch viel Augenmerk darauf, welche Fakten vermittelt werden sollen. Dann hat man vielleicht noch die Zielgruppe im Blick und das Kommunikationsziel. Aber ich beobachte, dass dabei häufig die Erzähldramaturgie ein bisschen zu kurz kommt. Ich bin überzeugt davon, dass man sowohl im Forschungsprozess an sich als auch in den Ergebnissen eine Dramaturgie erkennen kann. Alle Forschenden starten mit einem Problem, mit einer Fragestellung, und müssen dann dieses Problem lösen. Dabei begeben sie sich auf eine Forschungsreise, um dann im Idealfall am Ende ein Ergebnis zu bekommen, das ihre Forschungsfrage vom Anfang beantwortet. Das alleine kann man schon als Geschichte ansehen. Ich denke, unabhängig vom Forschungsgegenstand oder vom Thema kann man alles auch packend in einer Geschichte vermitteln.
Sascha Vogel: Jeder Tag in der Wissenschaft hat ja eine gewisse Dramaturgie, die nie jemand zu lesen bekommt. Der übliche Weg eines Wissenschaftlers, einer Wissenschaftlerin, ist ja: Man geht morgens ins Labor, macht irgendwie den ganzen Tag was, nichts funktioniert. Man geht abends frustriert nach Hause und kommt am nächsten Morgen wieder voller Schwung und Elan. Aber an diesem Tag ist ja unglaublich viel passiert, das nie jemand sieht. Ich glaube, wenn man jetzt ein paar Elemente aus diesem Forschungsalltag rausnimmt, die vielleicht gar nicht so die Wissenschaft per se sind, sondern dieses Drumherum zeigen, wie Jana zum Beispiel in ihrer Science Musical Show oder ich mit meinem Programm Physik in Hollywood, das macht es auch ein bisschen greifbarer.
Jana Heysel: Ich glaube, man kann durch Dramaturgie noch viel mehr Relevanz für die Zielgruppe vermitteln. Dass man eben nicht nur sagt: „Hier sind die Fakten, mach damit, was du willst”, sondern dass die Zielgruppe auch merkt: Das betrifft mich in meiner Alltagserfahrung oder in meinen Werten. Ich finde auch Werte unfassbar wichtig in der Kommunikation, weil gemeinsame Werte viel mehr Vertrauen aufbauen. Über Geschichten, die dann solche Werte vermitteln, kann man eine viel engere Beziehung zur Zielgruppe aufbauen und dadurch Vertrauen schaffen.
Worin liegt das Potenzial von emotionalem Erzählen und Humor in der Wissenschaftskommunikation?
Sascha Vogel: Die erste essentielle Frage ist: Hören die Leute überhaupt zu? Zum Beispiel bei meiner Show Physik in Hollywood kauft fast niemand das Ticket wegen der Physik allein, sondern wegen der Kombination mit Hollywood. Für den humorigen Teil, das Lustige an der Show, dafür kommen die Leute freiwillig. Und damit hast du erstmal ihr Ohr gewonnen und kannst im nächsten Schritt irgendwas damit machen. Humor ist ein extrem großes Mittel der Zugänglichkeit, dafür, dass Leute dir über deine Wissenschaft überhaupt zuhören.
Jana Heysel: Das Thema meiner Show ist Klimawandel und Energiewende, was an sich ja erstmal sehr schwer rüberkommt. Wir haben eine Krise, die es zu bewältigen gilt. Wenn man da aber mit Humor arbeitet, dann soll das nicht die Relevanz mindern oder das Ganze ins Lächerliche ziehen, sondern die Menschen können ein bisschen durchatmen. Ganz nach dem Motto: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Es ist eine Herausforderung, aber wir begegnen ihr mit positiver Grundeinstellung. Dadurch kann man ein bisschen die Schwere aus Themen nehmen, ohne sie zu bagatellisieren.
Ihr praktiziert schon beide das „emotional erfahrbar machen“ von Wissenschaft. Sascha, du hast Preise gewonnen im Science Slam und im Kabarett. Wie vermittelt man im Kabarett Wissenschaft?
Sascha Vogel: In Physik in Hollywood schauen wir uns im Großen und Ganzen Filmszenen an und analysieren: Ist das realistisch oder nicht? Funktioniert das eigentlich, wie das in dem Film dargestellt wird? In dem Vortrag gibt es Formeln, wir rechnen Dinge zusammen aus, aber es ist ein lustiges Programm, es macht Spaß. Aber es ist auch extrem viel Wissenschaft drin. Ich habe schon das Feedback bekommen, dass Leute da rausgegangen sind mit diesem Gefühl, wie es ist, ein Wissenschaftler, eine Wissenschaftlerin zu sein. Ich bin überzeugt, die Leute kommen zur Show wegen Hollywood und bleiben wegen der Physik, weil die dann doch extrem spannend ist.
Und du, Jana, wirst bei deiner Arbeit besonders kreativ. Du bietest neben Workshops verschiedene Edutainment-Formate an. Was kann man sich denn unter einer Science Musical Show vorstellen?
Jana Heysel: Eine Science Musical Show ist kein Musical im Sinne eines großen Bühnenensembles mit Orchester und so weiter, sondern ich mache das solistisch und trete in den Dialog mit dem Publikum. Es ist auch eine recht interaktive Show, wo ich zum Teil Leute auf die Bühne bitte, meistens auf freiwilliger Basis. In meinen Shows verbinde ich Live-Experimente mit Live-Musik, mit Gesang und mit einer Story, also mit Schauspiel. Ich schlüpfe in eine Rolle rein, die möglichst breit das Publikum widerspiegeln und so Identifikationen schaffen soll. Das heißt, es ist eine Rolle, die auch ambivalente Gefühle vertritt.
Was erwartet die Teilnehmenden in eurem Workshop auf dem Forum Wissenschaftskommunikation in Leipzig?
Sascha Vogel: Wir wollen nicht zu viel verraten.
Jana Heysel: Ich würde sagen, es wird auf jeden Fall ein Erlebnis. Es geht eben, wie der Titel schon sagt, um die Dramaturgie in der Forschung. Es soll der Blick ein bisschen geschärft werden, wie man diese Dramaturgie in der Forschung herausarbeiten kann, sodass man mal nicht durch die Forschungsbrille auf Themen schaut, sondern mehr durch eine Dramaturgiebrille, eine Geschichtenbrille, um dann mit dieser Brille Wissenschaftskommunikation betreiben zu können.
Wie kamt ihr dazu, den Workshop gemeinsam anzubieten?
Jana Heysel: Wir haben uns das erste Mal getroffen beim letzten Forum in Stuttgart. Da haben wir uns verabredet, dass wir nach dem Forum mal zoomen. Das haben wir Anfang des Jahres getan und dabei festgestellt, dass wir eigentlich das Gleiche machen, aber auf komplett andere Art und Weise. Das fanden wir sehr spannend, weil unsere Intention und unsere Arbeit ja sehr ähnlich sind und in gewisser Weise auch die Art und Weise, wie wir auf der Bühne stehen. Aber unsere Herangehensweisen sind komplett anders. Deshalb haben wir überlegt: Wollen wir dazu nicht etwas einreichen beim Forum? So kamen wir auf die Idee, einen Workshop zu machen, denn dadurch, dass die Teilnehmenden das selber ausprobieren können, können wir ihnen noch mehr mitgeben als in einem reinen Vortrag.
Sascha Vogel: Ja, und ich glaube auch ein bisschen, das eigene Interesse daran zu lernen, wie man es auch machen kann. Jeder hat ja so einen eigenen Stil, wie man an Sachen rangeht, insbesondere jetzt zum Beispiel Bühnenprogramme. Und ich finde es immer ganz spannend, wenn man mal von der anderen Seite kommt.
Was wünscht ihr euch, mit dem Workshop zu erreichen?
Sascha Vogel: Ich glaube, dass Leute ihren Endgegner besiegen können.
Jana Heysel: Ja, also den Endgegner im Sinne von „über den eigenen Schatten springen“, etwas Neues ausprobieren. Gar nicht nur auf Bühnenprogramme bezogen, das ist auch im Workshop für uns wichtig. Nicht jeder ist eine Rampensau und nicht jeder möchte vorne auf der Bühne stehen. Aber das, was wir vermitteln, ist eben auch übertragbar auf andere Formate. Da kann sich dann jede oder jeder Teilnehmer*in das herauspicken, was für das eigene Format interessant ist. Wir hoffen, dass wir dadurch neue Impulse geben können, auch mal etwas Ungewohntes, was Außergewöhnliches und was Neues auszuprobieren, wo man vielleicht aus seiner eigenen Komfortzone raus muss, aber dann hoffentlich auch eine positive Erfahrung machen kann.
Sascha Vogel: Wir haben es in Workshops immer wieder, dass Leute, die zum Beispiel irgendwas schreiben wollen, sehr viel aus diesem Slam-Bereich lernen können. Rein von der Dramaturgie, davon, wie baue ich das auf, mit welcher Intention gehe ich da ran? Darf ich auch mal ein bisschen, entschuldigt die Ausdrucksweise, auf die Kacke hauen und so weiter. Es geht nicht nur um Bühne, wie Jana gesagt hat. Es geht um Wissenschaftskommunikation im breitesten Sinne und jeder kann sich rauspicken, was er möchte.
Für wen ist euer Workshop besonders geeignet?
Jana Heysel: Für alle, die offen sind, mal eine andere Herangehensweise an Wissenschaftskommunikation oder eine dramaturgische Herangehensweise oder Storytelling-Herangehensweise auszuprobieren.
Da ihr beide aus der Physik kommt – wird Physik beim Workshop eine Rolle spielen?
Sascha Vogel: Es geht um viele Formeln. Es wird eine Klausur geben – nein, natürlich nicht. Also, wir machen sicherlich ein paar Beispiele aus unserer Welt, aber es ist jetzt nicht speziell für Physikerinnen und Physiker. Auch wenn man aus anderen Ecken kommt, sei es aus den Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften, anderen Naturwissenschaften oder direkt aus der Kommunikation, es ist für alle etwas dabei.
Infos zum Workshop:
Forum Wissenschaftskommunikation, Mittwoch, 09. Dezember, 14:15-15:45 Uhr
Workshop: „Von Wissen zu Wirkung: Wissenschaft emotional erfahrbar machen“
Referent*innen:
Dr. Sascha Vogel, science42
Dr. Jana Heysel, Künstlerin
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