„Durch Zuhören habe ich viele Möglichkeiten das Gespräch zu steuern“
Wie kann Zuhören als gewinnbringendes Werkzeug in der Wissenschaftskommunikation eingesetzt werden? Um diese Frage geht es in einem Workshop mit Prof. Dr. Margarete Imhof von der Universität Mainz beim Forum Wissenschaftskommunikation. Die Seniorprofessorin für Psychologie erklärt im Interview, was gutes Zuhören auszeichnet und was die Wissenschaftskommunikation aus der Zuhörforschung lernen kann.
von Hanna Strub
Frau Imhof, Zuhören ist nicht so die Stärke von Forschenden, oder?
Ja, wir Forschende sind eher diejenigen, die etwas mitteilen wollen. Wir haben etwas herausgefunden, arbeiten sehr lange daran und irgendwann sind wir sicher, dass die Welt das wissen muss. Wir werden nicht berufen, weil wir so gut zuhören können, sondern weil wir viel publizieren. Es gibt allerdings auch viele andere Branchen, in denen Leute dafür sorgen, dass sie das Sagen haben. Das spiegelt sich auch in unserem Sprachgebrauch wieder. Wenn man sagt, „da hat einer das Zuhören“, dann finden wir das nicht sehr eindrucksvoll. Wir denken dann eher an Befehlsempfänger und Leute, die die Informationen von Klügeren brauchen.
Im allgemeinen Verständnis halten wir das Sprechen für die aktive Rolle und das Zuhören für die passive. Ist dies aus Ihrer Sicht richtig?
Das ist definitiv nicht richtig. Es gibt die Faustregel unter den Zuhörforscher*innen, die sagt, dass 51 Prozent des Gesprächserfolges von dem Zuhörenden abhängt und 49 Prozent von dem Sprechenden. Natürlich gibt es ohne die aktive Rolle eines Sprechers oder einer Sprecherin auch nichts zum Zuhören. Aber auch beim Zuhören hat man viele Möglichkeiten, die sprechende Person und den Gesprächsverlauf zu steuern.
Wie zum Beispiel?
Man kann durch bestimmte Verhaltensweisen beim Zuhören die sprechende Person aus dem Konzept bringen, sie in eine Emotion verstricken, sie lächerlich machen oder auch stärken. Durch Nachfragen kann man ein Gespräch vertiefen oder polarisieren. Als zuhörende Person habe ich dadurch, wie ich mich während eines Gesprächs nach Außen verhalte und das Gehörte einordne und akzentuiere, ziemlich viel in der Hand.
„Ich begebe mich in einen Modus, in dem ich aufhöre, darüber nachzudenken, was mich gerade beschäftigt."
Was zeichnet gutes Zuhören aus?
Gutes Zuhören beginnt damit, dass ich mich auf das Zuhören einstelle. Ich begebe mich in einen Modus, in dem ich aufhöre, darüber nachzudenken, was mich gerade beschäftigt. Ich stelle mir die Fragen wie: Was will die andere Person von mir? Um was geht es jetzt? Was weiß ich schon dazu? Was hat die Person mir zu sagen? Und nicht: Was halte ich davon? Gutes Zuhören findet einerseits im Kopf statt und stellt die eigenen Gedanken, Bewertungen und Einstellungen zurück. Es ist aber auch ein äußeres Verhalten, indem ich deutlich mache, dass ich mit meiner Aufmerksamkeit bei der Person bin, die gerade spricht.
Wie kann Zuhören gezielt in der Wissenschaftskommunikation eingesetzt werden?
Überträgt man die interpersonelle Zuhörsituation auf gesellschaftliche Zuhörprozesse, könnte die Aufgabe der Wissenschaftskommunikation darin liegen, vermehrt die Perspektive ihrer Zielgruppen einzunehmen. Das heißt, sich zu fragen: Was wissen sie? Was interessiert sie? Welche Sprache sprechen sie? Das bekomme ich nicht durch Nachdenken heraus. Ich werde nur verstehen, was die Zielgruppen interessiert, wenn ich sie frage und ihnen zuhöre. Als Forschende halten wir viele Dinge für selbstverständlich, denen wir uns gar nicht mehr bewusst sind. Das fängt an mit dem Sprachgebrauch an und geht weiter mit den methodischen Dingen, die unseren Disziplinen inhärent sind.
Ein Beispiel?
Als Psychologin spreche ich beispielsweise über eine Untersuchung, die ich gemacht habe und zeige eine Grafik mit Mittelwerten. Die Leute schauen sich diese Säulen an und ganz am Ende traut sich vielleicht jemand zu fragen, was ein Mittelwert ist. Das heißt, dass man zuvor munter aneinander vorbeigeredet hat. Nur wenn wir versuchen, mit den Zielgruppen in Kontakt zu kommen, können wir herausfinden, wie sie ihre Fragen formulieren und wie ihre Sprache mit jener der Wissenschaft korrespondiert. So wie eine Regierung sich auch kein neues Volk wünschen kann, können wir Forschende uns auch keine neuen Rezipienten wünschen. Wir müssen schauen, wo sie stehen und welche Vorstellungen sie davon haben, wie Wissenschaft funktioniert.
„Es geht darum, zu erleben, welche Effekte gutes Zuhören auf die sprechende Person hat."
Welche Erkenntnisse gibt es aus der Zuhörforschung, die für Wissenschaftskommunikator*innen besonders relevant sein könnten?
Wir wissen, dass Menschen eher bereit sind, die eigene Einstellung zu hinterfragen und Zwischentöne und Nuancen zuzulassen, wenn man ihnen erst einmal interessiert zuhört und sie dazu bringt, ihre Standpunkte, Vorstellungen und Konzepte vertieft darzulegen. In einem bewertungsfreien Raum entsteht mehr Kooperationsbereitschaft. Das kennen wir beispielsweise aus der politischen Kommunikation und der Organisationspsychologie in Arbeitsteams. Diese Erkenntnis lässt sich meiner Meinung nach auch auf die Wissenschaftskommunikation übertragen. Das wäre die Idee, die ich verfolge und die ich mit Kolleg*innen im Workshop gerne besprechen würde.
Was konkret erwartet die Teilnehmenden in Ihrem Workshop beim Forum Wissenschaftskommunikation? Können Sie ein Beispiel geben für eine Zuhörübung?
Ich möchte als Zuhörübung einen sogenannten Listening Circle einführen, in dem es „nur“ ums Zuhören geht. Also darum, wie es ist, wenn man eine Redezeit hat, in der es keine Unterbrechung und keine Kommentierung gibt. Es geht darum, zu erleben, welche Effekte gutes Zuhören auf die sprechende Person hat. Wir werden in einer kurzen Präsentation auch thematisieren, was der Benefit von gutem Zuhören ist. Im Anschluss wollen wir gemeinsam Interaktionsformate aus der politischen Bildung weiterdenken, die in der Wissenschaftskommunikation praktikabel wären. Es wird auf jeden Fall ein Workshop, in dem man auch etwas tun darf.
Infos zum Workshop:
Forum Wissenschaftskommunikation, Donnerstag, 10. Dezember, 11.30–13 Uhr
Workshop: „Wissenschaft hört zu – wie Zuhören Wissenschaft und Öffentlichkeit verbindet“
Referentinnen:
Prof. Dr. Margarete Imhof, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Dr. Myriam Schlag, www.dr-lernpsychologie.de