„Sicherheit beginnt weit vor dem eigentlichen Vorfall“

Teamfoto von Damian Groten und Florian Rummler. Beide lächeln freundlich in die Kamera. Damian Groten trägt einen Anzug und Krawatte. Florian Rummler trägt ein Hemd.
© Universität Augsburg, Universitätsbibliothek, Anatoli Oskin
05. Oktober 2026

Wie können sich Institutionen auf Angriffe auf Forschende und wissenschaftliche Einrichtungen vorbereiten? Darum geht es beim Forum Wissenschaftskommunikation im Workshop „Abmahnungen, Anfeindungen, Diskreditierungen – Sicherheitskonzepte gegen Wissenschaftsfeindlichkeit“. Damian Groten und Florian Rummler vom Forschungsverbund für Gegenwartsanalysen, Erinnerungspraxis und Gegenstrategien zum Rechtsextremismus in Bayern (ForGeRex) richten den Workshop aus.

von Simon Esser

Herr Groten, Herr Rummler, Sie bezeichnen Sicherheit als ein „Pflichtthema“ für Wissenschaftskommunikation. Warum müssen sich wissenschaftliche Einrichtungen auf Anfeindungen und Angriffe vorbereiten?

Damian Groten: Im Feld der Rechtsextremismusforschung sind Wissenschaftler*innen schon immer mit Angriffen der extremen Rechten konfrontiert, die sie beforschen. Mit dem Erstarken der extremen Rechten in den vergangenen neun bis zehn Jahren sind diese Angriffe sowohl in ihrer Qualität als auch in ihrer Quantität stärker geworden. Mittlerweile wird ganzen Forschungsfeldern die Existenzberechtigung abgesprochen, wenn diese dem eigenen politischen Kalkül nicht entsprechen, seien es Genderforschung, Klimaforschung oder Rechtsextremismusforschung.

Eine weiblich gelesene Rechtsextremismusforscher*in wird zum Beispiel in der Kommentarspalte eines Forschungsblogs diskreditiert und diffamiert. Kommentator*innen schreiben dabei sogar direkt Kooperationspartner*innen und Fördergeber*innen an und sprechen der Forschenden ab, wissenschaftlich zu arbeiten. Eine beliebte Strategie der erstarkten extremen Rechten sind Abmahnungen und Klagen gegen Forscher*innen für vermeintliche Falschbehauptungen. Diese sind belastend, binden viele Ressourcen und können zu einer Angst davor führen, bestimmte Themen aufzugreifen. Eine solche Situation kann die Betroffenen überfordern.

So unangenehm und schwierig die Situation auch ist, man darf nicht in Schockstarre verfallen. Alle wissenschaftlichen Einrichtungen müssen sich auf Angriffe vorbereiten und über die Disziplinen hinweg solidarisch sein.


Bei ForGeRex arbeiten neun Teilprojekte zusammen. Wie organisieren Sie einen so diversen Verbund und wie entsteht daraus ein gemeinsames Sicherheitskonzept?

Damian Groten: Im Verbund arbeiten unter anderem Politikwissenschaftler*innen, Jurist*innen, Geschichtswissenschaftler*innen, Kommunikationswissenschaftler*innen und Kunstwissenschaftler*innen zusammen. Dadurch können wir unsere Forschung aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.

Auch unser Sicherheitskonzept muss diese unterschiedlichen Perspektiven und Arbeitsweisen berücksichtigen. Die Maßnahmen müssen für die verschiedenen Disziplinen funktionieren und gleichzeitig immer weiterentwickelt werden. Das ist nie abgeschlossen, allein schon, weil sich auch die Art und Weise der Angriffe verändert.

Was muss ein Sicherheitskonzept leisten?

Damian Groten: Sicherheit bedeutet für uns in erster Linie, absehbare Risiken von physischen und virtuellen Angriffen auf den Verbund und seine Forschenden bzw. deren Reputation soweit zu minimieren, wie es mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen möglich ist.

Florian Rummler: Das hängt von der Fachrichtung, den Möglichkeiten einer Einrichtung und davon ab, wie öffentlichkeitswirksam die Forschung oder die Forschenden arbeiten möchten. Ein Sicherheitskonzept muss deshalb individuell angepasst und regelmäßig hinterfragt werden, etwa wenn neue Teammitglieder hinzukommen oder eine Organisation wächst.

Für unseren Workshop konzentrieren wir uns auf drei Bereiche: interne Abläufe, externe Kommunikation und Veranstaltungen.


Nehmen wir einen konkreten Fall: Eine Forschende wird öffentlich von einem Politiker angegriffen, der zugleich mit Konsequenzen für die Finanzierung ihrer Einrichtung droht. Wer muss jetzt was tun?

Damian Groten: Ganz wichtig ist, dass zu diesem Zeitpunkt idealerweise schon viele Leute etwas getan haben. Sicherheit beginnt weit vor dem eigentlichen Vorfall. Man muss sich vorher darüber unterhalten: Was kann passieren? Welche Abläufe greifen dann? Wer ist zuständig?

Gerade wenn juristische Prozesse oder eine öffentliche Reaktion im Raum stehen, entsteht häufig hoher Zeitdruck. Dann ist es sehr hilfreich, vorher zu wissen: Mit wem spreche ich? Wo fließen die Informationen zusammen? Wer trifft die Entscheidungen?

Anschließend muss der konkrete Fall eingeschätzt werden: In welchem Rahmen hat jemand etwas gesagt? In welchem Verhältnis steht die Person zur Institution? Grundsätzlich ist es wichtig, dass Institutionen sich hinter ihre Forschenden stellen und ihnen den Rücken stärken.


Wer trägt heute die Verantwortung für Sicherheit und wo müsste sie aus Ihrer Sicht eigentlich liegen?

Damian Groten: In der Praxis sind Forschende mit solchen Situationen häufig unmittelbar konfrontiert. Man darf die Verantwortung aber nicht bei ihnen abladen und sie damit allein lassen.

Florian Rummler: Jede Person, die öffentlich kommuniziert oder wissenschaftlich arbeitet, sollte ein Bewusstsein für das Thema Sicherheit haben. Die Hauptverantwortung sehen wir aber bei den Führungspersonen einer Forschungseinheit oder Organisation. Sicherheit muss durch die ganze Institution hindurch gedacht werden. Im Idealfall gibt es dafür auch speziell zuständige Personen.

Damian Groten: Wir würden uns wünschen, dass Sicherheit stärker als Management-, Verwaltungs- und Leitungsaufgabe wahrgenommen wird, genauso wie andere übergreifende Aufgaben, etwa der Datenschutz. Das gehört mittlerweile zur Realität wissenschaftlicher Arbeit.


In welchen Fällen sollte eine Institution auf Angriffe öffentlich reagieren?

Damian Groten: In Sicherheitsfragen geht es immer um Abwägungen: Man möchte die eigene Position sichtbar machen, zugleich aber bestimmte öffentliche Dynamiken nicht unnötig befeuern. Grundsätzlich erlebe ich aber eher zu viel Zurückhaltung. Institutionen sollten Betroffenen frühzeitig den Rücken stärken und deutlich machen, dass sie solche Angriffe sehen und als eigenes Problem begreifen.


Besonders unmittelbar wird die Sicherheit bei Veranstaltungen. Wie gelingt es, in Echtzeit souverän zu reagieren?

Damian Groten: Auch bei Veranstaltungen beginnt ein großer Teil der Arbeit im Vorfeld. Man kann beispielsweise einen Einlassvorbehalt festlegen und sollte klären, wer im Ernstfall das Hausrecht ausübt. Auch die Sichtbarkeit spielt eine Rolle: Wo und wie bewerbe ich eine Veranstaltung? Wen möchte ich erreichen?

Vor Ort braucht es klare Ansprechpersonen und eine gute Aufgabenverteilung. Menschen, die stark in den inhaltlichen Teil eingebunden sind, sollten nicht etwa gleichzeitig die Sicherheitsverantwortung übernehmen müssen.

Florian Rummler: Dazu gehören auch gute und klare Informationsketten: Wer sagt wem zu welchem Thema Bescheid, wenn etwas passiert?


Sie bringen bereits eine Handreichung mit. Warum bieten Sie keinen Vortrag, sondern einen Workshop an und was können die Teilnehmenden daraus mitnehmen?

Florian Rummler: Wir betrachten das Thema aus unserer eigenen, hochschulgeprägten Perspektive und dort gibt es garantiert blinde Flecken. Deshalb wollen wir unser Wissen weitergeben, aber zugleich im Austausch das, was wir bereits haben, erweitern und weiterentwickeln. Deshalb richtet sich der Workshop auch an unterschiedliche Gruppen: an Kommunikationsabteilungen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen, an Forschende, aber beispielsweise auch an Wissenschaftsjournalist*innen.

Damian Groten: Wir glauben da an die Schwarmintelligenz. Die Ausgangssituationen der Institutionen sind sehr unterschiedlich. Deshalb sollen die Teilnehmenden vor allem die Fragen mitnehmen, mit denen sie einen Sicherheitsleitfaden für den eigenen Bedarf entwickeln können. Ein solcher Austausch ist dafür eine sehr gute Chance und kann anschließend in die eigenen Arbeitskontexte weitergetragen werden.

Infos zum Workshop:
Forum Wissenschaftskommunikation, Donnerstag, 10. Dezember, 11.30–13 Uhr

Workshop: „Abmahnungen, Anfeindungen, Diskreditierungen – Sicherheitskonzepte gegen Wissenschaftsfeindlichkeit“

Referent*innen:

Damian Groten, Geschäftsführer Bayerische Forschungsverbund für Gegenwartsanalysen, Erinnerungs-praxis und Gegenstrategien zum Rechtsextremismus (ForGeRex)

Florian Rummler, Verbundkoordinator Bayerische Forschungsverbund für Gegenwartsanalysen, Erinnerungs-praxis und Gegenstrategien zum Rechtsextremismus (ForGeRex)

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