„Es braucht den Kontakt und die Beziehungsarbeit zu den Menschen“
Konkrete Ansätze für eine inklusivere Wissenschaftskommunikation: Darum geht es beim Forum Wissenschaftskommunikation im Workshop „Zwischen Anspruch und Praxis: Selbstreflexion für eine machtsensible Wissenschaftskommunikation“. Im Interview spricht Caroline Zhu über Machtstrukturen und die Rolle von analogen Formaten für eine inklusive Wissenschaftskommunikation.
von Alena Weil
Caroline, in eurer Session geht es um Machtstrukturen in der Wissenschaftskommunikation. Vielleicht zum Einstieg mal etwas plakativ gefragt: Wer bestimmt denn eigentlich, was wir wissen?
Ich würde das nicht an Personen festmachen, sondern eher an den vorherrschenden Strukturen. Diese Strukturen lassen sich auf die Kontinuitäten von Kolonialismus zurückführen und wirken noch bis heute. Sie erhalten die weiße Vorherrschaft aufrecht und drängen marginalisierte Gruppen an den Rand. Ob wir das jetzt bewusst oder unbewusst machen, das sei erstmal dahingestellt. Aber dadurch wird auch eine bestimmte Perspektive, ein bestimmtes Weltbild aufrechterhalten.
Ein Teil der Kontinuität von Kolonialismus ist auch das Patriarchat. Insofern spielt Gender da auch eine Rolle. Da geht es eben um die Frage: Wer hat bestimmte Machtpositionen inne und wer hält die Machthierarchien aufrecht? Aber natürlich kann es auch sein, dass eine Woman of Colour in einer bestimmten Position diese patriarchalen Strukturen aufrechterhält. Deswegen möchte ich mich auch nicht auf bestimmte Personengruppen festlegen.
Du hast Elektrotechnik und Informationstechnik studiert und in diesem Bereich auch promoviert. Welche persönlichen Erfahrungen hast du mit Machtstrukturen in der Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation gemacht?
Als Frau of Colour war ich gerade im Studium Teil einer Minderheit, wenn man das nur auf die Demographie bezieht. Ich hatte das Glück, dass mein Professor und Doktorvater sehr auf Gerechtigkeit und Gleichstellung geachtet und mich in jeglicher Form gefördert hat.
Nichtsdestotrotz gab es aber natürlich von Kommilitonen teilweise Kommentare, die unter der Gürtellinie sind, wenn man als Frau in diesem Bereich unterwegs ist. Das heißt, es gibt heute immer noch diese Art von Bro-Culture, die wir im Tech-Bereich grundsätzlich sehen – die, eigentlich, sollte man meinen, komplett überholt ist.
Haben wir solche Probleme auch in der Wissenschaftskommunikation?
Ja, da wirken die gleichen Strukturen, wie ich sie vorhin angesprochen habe, weil das eben gesellschaftlich verankert ist. Daher gilt es, gemeinsam zu schauen, wie wir diese Strukturen aufbrechen können. Und wie wir multiple Perspektiven in die Wissenschaftskommunikation einbringen können, um Fragen und Perspektiven in den Fokus zu rücken, die ansonsten vielleicht vergessen werden.
Die Sache ist: Wir wissen in unserer Wisskomm-Community schon viel über Machtstrukturen und Barrieren. Das Wissen ist da, es gibt ja Forschung dazu. Und nun geht es halt darum: Wie können wir das auf uns übertragen und dann auch strukturell umsetzen?
Natürlich ist es im Sinne der Repräsentation ein erster Schritt, zu sagen: Wen laden wir ein, wie kann ein Panel aussehen? Aber das reicht eben nicht, es muss auch ans Fundament, an unsere Grundlagen gehen – wie treffen wir eigentlich Entscheidungen? Wen nehmen wir mit bei der Entscheidungsfindung? – um dieses Wissen, das wir kognitiv haben, auch in die Praxis umzusetzen.
Wenn wir das Wissen schon haben, warum ist es trotzdem so schwierig, das umzusetzen?
Das ist jetzt meine erste intuitive Antwort darauf. Ich denke, ein Grund dafür ist, dass wir diese Veränderung der Machtstrukturen so noch nicht gesehen haben. Das ist ja so ein bisschen die Frage: Wie kann eigentlich eine Utopie aussehen? Wie könnten Power Sharing und soziale Gerechtigkeit tatsächlich aussehen?
Und natürlich stoßen strukturelle Veränderungen vielleicht auch auf Widerstand. Man muss auch Macht abgeben können. Und ich kann mir vorstellen, dass da auch unterbewusst Unsicherheiten und Ängste eine Rolle spielen.
Was meinst du, woran scheitert es da in der Wissenschaftskommunikation konkret?
Es gibt einen großen Bereich der Wissenschaftskommunikation, wo ich den Eindruck habe, dass die eigene Positionierung – von uns selbst oder vielleicht auch von den Institutionen – noch nicht den Schritt der Selbstreflexion überwunden hat. Und dass wir an dieser Stelle das Wissen über den Abbau von Barrieren und Machtstrukturen entsprechend noch nicht richtig umsetzen können. Was dazu führt, dass marginalisierte Gruppen weniger von den Formaten, die angeboten werden, profitieren. Das heißt, Menschen können diese Inhalte nicht aufnehmen, auch wenn sie eigentlich an Wissenschaftskommunikation interessiert sind. Beispielsweise weil das in einem Museum stattfindet und das Museum als solches für manche Menschen kein sicherer Ort ist. Oder weil es eine Sprachbarriere gibt.
Decolonize Berlin hat beispielsweise eine Studie dazu gemacht, die zeigt, wo es im Bereich der Medizin hapert. Die Studie zeigt aber auch, wie der medizinische Bereich davon profitieren kann, wenn beispielsweise rassifizierte Menschen konkret eingebunden werden, um bestimmte Angebote aufzubereiten. Das hat tatsächlich einen spürbaren Effekt in der Versorgung.
Am Ende geht es auch viel um Beziehungsarbeit. Es braucht den Kontakt und die Beziehungsarbeit zu den Menschen, damit diese auch Teil von Wissenschaft werden und Wissenschaft mitgestalten können. Wir müssen unsere Zielgruppen also direkter und aktiver einbeziehen – sofern es die Situation zulässt.
Als Wissenschaftsjournalistin schreibst du auch viel über neue Technologien. Was denkst du, wird uns KI auf dem Weg hin zu einer inklusiven Wissenschaftskommunikation eher helfen oder eher schaden?
Ich würde KI gerne als ein Werkzeug verstehen. Dieses Werkzeug ist aber leider nicht neutral – so, wie Technologie oft nicht neutral ist. Wenn ich mir die KI-Entwicklung der letzten Monate so anschaue, dann sagt mir mein Bauchgefühl eher, dass es gerade nicht so gut wäre, sich komplett auf KI zu verlassen. Sondern, dass wir wieder mehr darauf schauen müssen, was zwischen den Menschen passiert und uns auch wieder mehr face-to-face begegnen. Also, auch ich liebe digitale Räume, keine Frage. Aber ich glaube, was es jetzt gerade braucht, sind diese physischen Räume.
Das heißt, wir brauchen wieder mehr analoge Formate in der Wissenschaftskommunikation?
Ich würde mir wünschen, dass wir die analogen Formate mehr wertschätzen. Natürlich können wir mit digitalen Formaten krass viele Leute erreichen. Aber die Frage ist ja: Was machen die Leute eigentlich im Nachgang damit? Ich denke, es liegt auch eine besondere Kraft darin, physisch miteinander zu sein. Die anderen Personen wahrzunehmen und miteinander in Verbindung zu sein. Das kann viel bewirken, um auch wieder in den Dialog zu kommen. Und damit wirken wir auch der Vereinzelung unserer Gesellschaft entgegen, die teilweise durch kapitalistische Strukturen aufrechterhalten wird.
Miteinander in Verbindung treten – darum geht es letztlich ja auch beim Forum dieses Jahr zum Thema „Zusammenhalt.“
Im Rahmen des Forums bietest du gemeinsam mit Phyllis Mania und Tarah Truderung einen Workshop zum Thema machtsensible Wissenschaftskommunikation an. Was erwartet die Teilnehmenden des Workshops?
Wir möchten einen Raum schaffen, der zur kritischen Selbstreflexion einlädt. Das heißt, wir wollen erstmal ein gemeinsames Verständnis davon entwickeln: Warum sind wir eigentlich gerade an dem Punkt, wo wir sind? Warum gibt es zwar Diversitätskampagnen, aber gleichzeitig haben wir immer noch bestimmte Exklusionsfaktoren, die uns in der Wissenschaftskommunikation umtreiben?
Dabei geht es erstmal um Selbstpositionierung: Wo stehe ich eigentlich selber? Aber auch zu schauen: Wo steht meine Institution? Im Anschluss an diese Reflexion möchten wir gezielt in Übungen gehen. Wir werden dabei verschiedene Maßnahmen vorstellen und Teilnehmende können überlegen: Was passt zu mir und meiner Institution?
Denn die Haltung ist ja da, dass wir Dinge verändern möchten. Aber wie machen wir das? An diesem Punkt möchten wir die Teilnehmenden unterstützen. Wir schauen uns an: Was kann das eigentlich für meinen Alltag bedeuten? Wo kann ich Dinge umsetzen, ohne neue Ressourcen hinzuzunehmen? Oder auch: Was braucht es vielleicht noch an zusätzlichen Ressourcen?
Das heißt, die Teilnehmenden eures Workshops sollten auf jeden Fall auch offen sein für Selbstkritik?
Das Thema braucht natürlich eine gewisse Offenheit. Die Teilnehmenden sollen mit sich selbst ins Gespräch kommen und schauen: Was habe ich, oder was haben wir als Institution für Fehler gemacht? Das ist ein emotionales Thema, da können natürlich auch Gefühle wie Scham aufkommen, wenn man sich denkt: ‘Ich mache eigentlich voll die coole Arbeit und möchte die Menschen erreichen, aber da habe ich diesen oder jenen Fehler gemacht.’ Wir haben in Deutschland eben auch nicht so eine gute Fehlerkultur.
Was denkst du, wie wird sich das alles entwickeln? Wo stehen wir in 20 Jahren?
20 Jahre ist eine sehr lange Zeitspanne. Jetzt gerade sieht es mit der Wissenschaft und der Wissenschaftskommunikation grundsätzlich nicht so rosig aus, aufgrund der politischen Entwicklungen.
Nichtsdestotrotz setzt das Forum Wissenschaftskommunikation mit diesem Thema – Zusammenhalt – natürlich ein Zeichen. Und auch wenn das jetzt ein bisschen cheesy klingt: Ich hoffe einfach, dass dieser Zusammenhalt am Ende doch gewinnt. Aber das wird auf jeden Fall ein Marathon und, wenn ich diesen Begriff jetzt mal verwenden darf, es wird auch ein Kampf. Es wird nicht leicht, die Wissenschaft zu verteidigen gegen den Populismus.
Infos zum Workshop:
Forum Wissenschaftskommunikation, Mittwoch, 9. Dezember, 16.30–18 Uhr
Workshop: „Zwischen Anspruch und Praxis: Selbstreflexion für eine machtsensible Wissenschaftskommunikation“
Referent*innen:
Dr. Phyllis Mania, Goethe-Universität Frankfurt
Dr.-Ing. Caroline Zhu, Freie Wissenschaftsjournalistin, „Potluck der Perspektiven“-Host
Tarah Truderung, Freiberufliche Bildungsreferentin