Wissenschaftsfreiheit im Gespräch

© Simon Esser / Wissenschaft im Dialog
26. Mai 2026

von Simon Esser


Am 23. Mai 2026 wurde der Ehrenhof der Humboldt-Universität zu Berlin zum Ort für Gespräche über Wissenschaft, Demokratie und gesellschaftliche Verantwortung. Anlass war der erste bundesweite Ehrentag zum Geburtstag des Grundgesetzes, initiiert vom Bundespräsidenten. Bei der Sonderausgabe von Wissenschaft – und ich?! diskutierten Vertreter*innen aus Wissenschaft, Hochschulen, Studierendenvertretungen und Förderorganisationen über die Bedeutung von Wissenschaftsfreiheit und darüber, wie sie sich im Alltag zeigt.

Freiheit und Verantwortung

Dr. Benedikt Fecher, Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog, moderiert die eröffnende Podiumsdiskussion. Er betont, dass Wissenschaftsfreiheit nicht selbstverständlich sei, sondern geschützt werden müsse: „Sie ist fragil.“ Zugleich beschreibt er sie als zentrale Voraussetzung dafür, „dass gute Wissenschaft gelingen kann“.

Für Jun.-Prof. Philipp Rothemund, Sprecher der Jungen Akademie, bedeutet Wissenschaftsfreiheit, „dass wir Wissen frei verbreiten können“. Freiheit heiße jedoch nicht, ohne Verantwortung zu handeln: „Wir müssen Rechenschaft abgeben, aber offen auf Ergebnisse hinarbeiten können“.

Prof. Christoph Markschies spricht über Wissenschaftsfreiheit als gemeinsame Aufgabe des Wissenschaftssystems. Es gehe darum, „nicht nur für mich selbst zu kämpfen, sondern für meine Institution, für das gesamte System“. Er sieht es als Pflicht an, sich für das Vertrauen in Wissenschaft zu engagieren.

„Ich finde es ganz wichtig, dass man Wissenschaftsfreiheit nicht isoliert sieht, sondern gemeinsam mit der Pressefreiheit, der Kunstfreiheit, der Meinungsfreiheit”, sagt Prof. Jutta Allmendinger. Deshalb könne sie auch nicht allein von der Wissenschaft geschützt werden: „Wissenschaftsfreiheit braucht die Zivilgesellschaft. Sie braucht eine gemeinsame Verteidigung unserer Demokratie“.

Dass Wissenschaftsfreiheit eng mit Studium und Lehre verbunden ist, macht Tabea Herbst vom freien zusammenschluss von student*innenschaften deutlich. Für sie bedeutet Wissenschaftsfreiheit „die Freiheit, lernen zu können, was mich interessiert“ – und nicht nur das, „was politisch oder wirtschaftlich gewollt ist“.

Auch Prof. Beate Schücking hebt die Perspektive der Studierenden hervor. Wissenschaftsfreiheit bedeutet für sie: „Ohne Einschränkungen forschen, lehren und lernen.“ Gerade auch für junge Leute stecke in Wissenschaftsfreiheit „die Begeisterung für Wissenschaft“.

Prof. Walter Rosenthal, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, erinnert an Wilhelm von Humboldts Ideal, „in Einsamkeit und in Freiheit“ zu forschen. Mit Blick auf den Ort verweist er zugleich darauf, dass „hier gegenüber damals Studierende Bücher verbrannt“ hätten. Wissenschaftsfreiheit sei „ein Kernpunkt der Demokratie“. Um sie zu schützen, müsse sich Wissenschaft „mit Wirtschaft, Kultur und vielen Gruppen in der Gesellschaft zusammentun“.

„Für mich geht Wissenschaftsfreiheit immer mit Verantwortung einher“, sagt Dr. Georg Schütte, Generalsekretär der VolkswagenStiftung. Er sagt: „Wir müssen leben, was Wissenschaft ausmacht: gute Wissenschaft machen und erklären, was sie bedeutet“.

„Wissenschaftsfreiheit ist für mich die Freiheit, morgens aufzuwachen, kritische Fragen zu stellen, zu bearbeiten und evidenzbasiert zu beantworten”, sagt Prof. Heike Klüver. Wissenschaftsfreiheit bedeute „auch mal unbequeme Antworten zu liefern“. Als Demokratieforscherin sehe sie sich in der Verantwortung, Erkenntnisse zu gewinnen, „wie wir das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurückgewinnen können“.

Gespräche an den Thementischen

Nach der Podiumsdiskussion verlagert sich die Veranstaltung in den zweiten Teil des Tages. Ab 12.30 Uhr stehen Wissenschaftler*innen an mehreren Thementischen für Gespräche mit Besucher*innen bereit.

Dr. Sercan Sever von der Universität Tübingen spricht über technologische Innovationen in Unterrichtssettings und die Frage, wie digitale Entwicklungen Bildungsprozesse verändern. Prof. Dan Verständig von der Goethe-Universität Frankfurt diskutiert über Critical Computational Literacy und den gesellschaftlichen Umgang mit Künstlicher Intelligenz.

Mit Ernährungsmedizin beschäftigt sich Prof. André Kleinridders von der Universität Potsdam. Prof. Petra Anders von der Humboldt-Universität zu Berlin bringt Perspektiven aus der Deutschdidaktik ein. Dr. Mirjam Jenny von der Jungen Akademie spricht über Gesundheitskommunikation, während Prof. Christian Dreyer von der TH Wildau Faserverbund-Materialtechnologien ganz praktisch erlebbar macht.

Zwischen Popcornmaschine, Kaffeebechern und Experimentierstationen entstehen direkte Gespräche. Besucher*innen nehmen Exponate in Augenschein, versuchen sich selbst an Experimenten, diskutieren über Herausforderungen in ihrem Alltag oder berichten von eigenen Erfahrungen mit Wissenschaft. So wird Wissenschaft an diesem Nachmittag nicht nur diskutiert, sondern unmittelbar erfahrbar. Das Format Wissenschaft – und ich?! schafft dafür Raum: für Fragen, Widerspruch und direkte Gespräche zwischen Forschung und Öffentlichkeit.

Über Wissenschaft – und ich?!

Diese Sonderausgabe von Wissenschaft – und ich?! war eine gemeinsame Veranstaltung von der Hochschulrektorenkonferenz, Wissenschaft im Dialog und der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Veranstaltung wurde gefördert von der VolkswagenStiftung.

Wissenschaft – und ich?! ist ein gemeinsames Projekt von Akademienunion, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Hochschulrektorenkonferenz und Wissenschaft im Dialog. Es wird gefördert von der DFG, der Klaus Tschira Stiftung, der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und dem Stifterverband.