Willkommen zur Wisskomm Connected 2026!
Die WissKomm Connected 2026 ist gestartet! Zum Auftakt diskutierten Romy Jaster und Matthias Mayer, wie Desinformation die Voraussetzungen verlässlicher Urteilsbildung gefährdet und welche Konsequenzen sich daraus für die Wissenschaftskommunikation ergeben. Im Mittelpunkt standen Vertrauen, gesellschaftliche Verantwortung und die Frage, wie Wissenschaftskommunikation über reine Wissensvermittlung hinauswirken kann.
von Simon Esser
„Es mangelt nicht an Herausforderungen. Auch und gerade deshalb ist es heute umso dringlicher, sich darüber zu verständigen, was gute Wissenschaftskommunikation ist, was sie ausmacht und was man von ihr erwarten kann“, sagte Lisa Mertin, stellvertretende Projektleiterin der Transfer Unit bei Wissenschaft im Dialog, zur Begrüßung der Teilnehmenden. Politische und technologische Umbrüche träfen auf ein Feld, das schon immer mit finanzieller Unsicherheit zurechtkommen musste und nun um die Zukunft gewachsener Strukturen bange. Gerade deshalb sei der enge Austausch zwischen Forschung und Praxis wichtig.
Auch Sebastian Büttner, wissenschaftlicher Leiter der Transfer Unit an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), betonte die Bedeutung dieses Austauschs. Unterschiedliche Arbeitslogiken, Erwartungen und Hierarchien erschwerten häufig die Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Beide Perspektiven könnten jedoch voneinander profitieren: „Die Forschung liefert [...] Evidenz und auch Begriffe und Deutungsschemata.“ Die Praxis wiederum sei häufig unmittelbar mit neuen Herausforderungen konfrontiert und könne wichtige Impulse für die Forschung geben.
Stefanie Schelhowe vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt hob in ihrem Grußwort die Bedeutung evidenzbasierter Wissenschaftskommunikation und ihrer stärkeren Verankerung im Wissenschaftssystem hervor. Eine der größten Herausforderungen für die Zukunft sei es, „wirklich diejenigen [zu] erreichen, die bisher mit Wissenschaft wenig zu tun haben“.
Im Anschluss eröffneten Romy Jaster, Philosophin an der Humboldt-Universität zu Berlin, Sprecherin des DFG-Schwerpunktprogramms „Rethinking Disinformation (Re)“ sowie Co-Gründerin und -Leiterin des Forums für Streitkultur, und Matthias Mayer, Leiter des Bereichs Wissenschaft bei der Körber-Stiftung, das inhaltliche Programm mit ihrer Double Keynote „Wissenschaftskommunikation in der Desinformationskrise – Fünf Forderungen für die Wissenschaftskommunikation und Relevanzreflexionen“.
Wie kann Wissenschaftskommunikation unter den Bedingungen zunehmender Desinformation wirksam sein und Vertrauen in Wissenschaft stärken? Diesen Fragen widmeten sich die beiden aus unterschiedlichen Perspektiven.
Romy Jaster hinterfragte zunächst das gängige Verständnis von Desinformation als absichtlicher Verbreitung falscher oder irreführender Informationen. Die Vorstellung, Desinformation sei vor allem deshalb gefährlich, weil Menschen falsche Behauptungen glaubten und dadurch zu falschen Urteilen gelangten, greife zu kurz. Denn Desinformation könne auch dann Schaden anrichten, wenn Menschen gar keine konkrete falsche Überzeugung übernähmen.
Anhand dreier Phänomene verdeutlichte Jaster diese Problematik: Die strategische Überflutung des öffentlichen Diskurses mit Informationen erschwere Orientierung und Einordnung. Demonstrativer „Bullshit“, also die offen zur Schau gestellte Gleichgültigkeit gegenüber Wahrheit, untergrabe gesellschaftliche Aufrichtigkeitsnormen. Verschwörungstheorien wiederum beschädigten das Vertrauen in etablierte Wissensquellen wie Wissenschaft und Qualitätsjournalismus.
Jaster schlug deshalb eine weiter gefasste Definition vor: „Desinformation [...] ist öffentliche Kommunikation, die darauf abzielt, die epistemische Situation von Subjekten [...] zu verschlechtern.“ Gemeint sei damit nicht nur, Menschen zu falschen Überzeugungen zu bringen, sondern die Bedingungen zu beeinträchtigen, unter denen sie überhaupt zu verlässlichen Urteilen gelangen können. Desinformation sei damit auch ein Angriff auf die Infrastruktur unseres Wissens.
Daraus leitete Jaster fünf Forderungen für die Wissenschaftskommunikation ab: kognitive Entlastung statt Informationsflut, Transparenz wissenschaftlicher Methoden statt bloßer Ergebnisinszenierung, präventive Aufklärung über Desinformation, gelebte Aufrichtigkeit und den langfristigen Aufbau von Vertrauensbeziehungen. Wissenschaftskommunikation müsse sich stärker als „epistemische Infrastruktur“ verstehen und dazu beitragen, die Voraussetzungen verlässlicher Urteilsbildung zu stärken.
Matthias Mayer griff diese Forderungen aus der Praxisperspektive auf – mit grundsätzlicher Zustimmung, aber auch deutlicher Kritik an den bestehenden Strukturen. Institutionelle Eigeninteressen und Marketinglogiken führten häufig dazu, dass Wissenschaftskommunikation vor allem neue Inhalte produziere, statt Orientierung zu ermöglichen. Auch bei der Vermittlung wissenschaftlicher Methoden, beim frühzeitigen Umgang mit Desinformation und beim Aufbau langfristiger Vertrauensbeziehungen gebe es erheblichen Nachholbedarf.
Dabei betonte Mayer, dass Wissenschaftskommunikation nicht losgelöst von der Wissenschaft selbst betrachtet werden könne: „Kommunikation über Wissenschaft kann am Ende nur so gut, so aufrichtig sein, wie es die Wissenschaft selbst ist.“ Wissenschaftskommunikation müsse deshalb auch nach innen wirken, wissenschaftliche Institutionen kritisch begleiten und gesellschaftliche Fragen in die Wissenschaft zurücktragen. Angesichts neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen müsse sie zudem Debatten über die gesellschaftliche Verantwortung und das Selbstverständnis der Wissenschaft mitgestalten.
Zugleich warnte Mayer vor überhöhten Erwartungen: Wissenschaftskommunikation könne nicht allein die Demokratie retten. Stattdessen gelte es, die Bereitschaft zum gemeinsamen Erkenntnisgewinn zu fördern und anzuerkennen, dass auch das Gegenüber recht haben könnte.
In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die gesellschaftliche Funktion der Wissenschaftskommunikation, langfristige Förderstrukturen für Vertrauensarbeit und die Frage, wie das Feld vom Krisenmodus stärker in einen Gestaltungsmodus gelangen kann.
Im folgenden Konferenzprogramm tauschten sich die Teilnehmenden In Kurzvorträgen, World Cafés und interaktiven Workshops über unterschiedliche Fragen und Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation aus. Am Abend steht mit „Zukunftsprotokoll 2035 – Spekulative Co-Kreation“ ein gemeinsamer Blick in die Zukunft auf dem Programm: Die Teilnehmenden entwickeln Szenarien für die Wissenschaftskommunikation im Jahr 2035.
Wir wünschen allen weiterhin einen anregenden Austausch und freuen uns auf die kommenden Diskussionen!