Polarisierte Debatten und die Zukunft der Wissenschaftskommunikation
Am zweiten Konferenztag der Wisskomm Connected 2026 standen der Umgang mit polarisierten Debatten und die zukünftige Ausrichtung der Wissenschaftskommunikation im Mittelpunkt. In einer Double Keynote diskutierten Annette Leßmöllmann und Clemens Tangerding über Möglichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Verständigung. Die abschließende Podiumsdiskussion widmete sich den Herausforderungen für die Wissenschaftskommunikation in unsicheren Zeiten.
von Simon Esser
Ins Gespräch kommen, im Gespräch bleiben
Wie können Wissenschaftskommunikator*innen mit Menschen ins Gespräch kommen, die wissenschaftlichen Erkenntnissen ablehnend gegenüberstehen? Und wie lässt sich ein Gespräch auch bei grundlegenden Meinungsverschiedenheiten aufrechterhalten? Diesen Fragen gingen Annette Leßmöllmann (Karlsruher Institut für Technologie) und Clemens Tangerding (Historiker und freier Autor) in ihrer Double Keynote nach.
Annette Leßmöllmann beschäftigte sich mit der Bedeutung von Sprache für gesellschaftliche Polarisierung. Begriffe könnten als Identitätsmarker fungieren und Zugehörigkeit oder Abgrenzung zwischen Gruppen herstellen. Für die Verständigung sei deshalb ein Common Ground entscheidend: gemeinsame Annahmen, geteilte Bedeutungen von Begriffen oder akzeptierte Gesprächsgrundlagen. Dabei betonte Leßmöllmann, dass ein solcher Common Ground nicht einfach existiere, sondern im Gespräch erst geschaffen werden müsse. Auch könne es zwischen Gesprächspartner*innen mehrere unterschiedliche gemeinsame Grundlagen geben.
Eine Herausforderung sah Leßmöllmann im Umgang mit Akteur*innen, die nicht an Verständigung interessiert seien, sondern gezielt versuchten, Diskursräume zu verschieben. Hier müsse Wissenschaftskommunikation auch die zugrunde liegenden Machtverhältnisse thematisieren und sichtbar machen, wer von bestimmten Verschiebungen profitiere. Statt sich auf Empörung zu beschränken, plädierte sie für eine selbstbewusste Positionierung: „Stand your ground“. Im Umgang mit suggestiven Fragen empfahl sie, Gegenfragen zu stellen und die darin enthaltenen Annahmen offenzulegen.
Leßmöllmann verwies zudem auf die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Netzwerke. Gerade lokale Akteur*innen verfügten über Kenntnisse gesellschaftlicher Konflikte und persönlicher Beziehungen, die für den Dialog wichtig seien. Die Kürzung entsprechender Strukturen betrachtete sie deshalb kritisch. Auch die Kommunikationslogik sozialer Medien problematisierte sie, da dort häufig wenig Raum für komplexe Diskussionen etwa über wissenschaftliche Methoden bleibe.
Clemens Tangerding näherte sich dem Thema aus der Perspektive persönlicher Begegnungen und lokaler Gemeinschaften. Er beschrieb, wie die zunehmende Konzentration auf soziale Gruppen mit ähnlichen Einstellungen die Wahrnehmung von Polarisierung verstärken könne. In seinem eigenen Umfeld beobachte er, dass Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten durchaus heftigst miteinander streiten und zugleich andere Gemeinsamkeiten teilen könnten.
Tangerding sprach sich dafür aus, den Blick stärker auf das unmittelbare soziale Umfeld zu richten. Die Möglichkeiten, Menschen aus völlig anderen gesellschaftlichen Milieus zu erreichen, seien begrenzt. Gerade im ländlichen Raum seien persönliche Beziehungen und lokale Ansprechpartner*innen wichtig. Dort brauche es weniger abstrakte Debatten als konkrete Unterstützung bei Problemen vor Ort. Gemeinsames Tun könne Menschen miteinander verbinden, die politisch sehr unterschiedliche Positionen verträten.
Mit Blick auf die Vermittlung von Konfliktkompetenz kritisierte Tangerding, dass beispielsweise in Schulen zwar Regeln für einen respektvollen Umgang miteinander vermittelt würden, aber zu wenig darüber gesprochen werde, wie Konflikte tatsächlich ausgetragen und bearbeitet werden könnten.
In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Grenzen der Gesprächsbereitschaft, insbesondere wenn wissenschaftliche Expertise aufgrund persönlicher Identitätsmerkmale aberkannt werde oder Anfeindungen drohten. Tangerding betonte, dass jede Person ausloten müsse, welche Gespräche sie führen könne und wo die eigenen Grenzen lägen.
Als praktische Anregungen nannten beide, Kontakte außerhalb der eigenen sozialen und beruflichen Netzwerke zu suchen, stärker mit lokalen Akteur*innen zusammenzuarbeiten und mehr Gelegenheiten für gemeinsames Handeln zu schaffen. Zudem gelte es, unausgesprochene Annahmen, auch die eigenen, zu hinterfragen und auszuhalten, dass Gesprächspartner*innen mitunter völlig andere Überzeugungen als selbstverständlich voraussetzten.
Wissenschaftskommunikation in unsicheren Zeiten
Zum Abschluss der Konferenz diskutierten Christoph Markschies (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften), Benedikt Fecher (Wissenschaft im Dialog), Stefanie Schelhowe (Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt), Stefanie Molthagen-Schnöring (Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin) und Peer Pasternack (Institut für Hochschulforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) über die Zukunft der Wissenschaftskommunikation.
Benedikt Fecher verwies auf die Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation in den vergangenen Jahren. Künftig müsse sich das Feld stärker um gesellschaftliche Relevanz kümmern, statt sich auf aufwendig gestaltete Kommunikationsprodukte zu konzentrieren. Dabei müsse Wissenschaftskommunikation sowohl „hyperlokal“ als auch „hyperdigital“ agieren: Sie solle Menschen vor Ort erreichen und zugleich neue digitale Kommunikationsräume erschließen. Fecher sprach sich außerdem dafür aus, die Abhängigkeit von projektbezogener Mittelakquise zu verringern und verlässlichere Finanzierungsstrukturen zu schaffen.
Stefanie Schelhowe betonte, dass Deutschland im internationalen Vergleich über ausgeprägte Strukturen der Wissenschaftskommunikation verfüge. Als Beispiel für die direkte Ansprache unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen nannte sie die MS Wissenschaft. Zugleich forderte sie, wissenschaftsferne Zielgruppen stärker zu erreichen und insbesondere im ländlichen Raum präsenter zu werden. Forschung müsse in ihrer Bedeutung für den Alltag der Bürger*innen verständlich werden.
Christoph Markschies thematisierte gesellschaftlichen Vertrauensverlust und die Rolle wissenschaftlicher Institutionen. Vertrauen könne schnell verloren gehen, sein Aufbau sei hingegen zeit- und kostenintensiv. Deshalb müssten Kräfte gebündelt und langfristig investiert werden. Markschies sprach sich dagegen aus, jede einzelne Forschungsfrage ausschließlich anhand ihres unmittelbaren gesellschaftlichen Nutzens zu bewerten. Auch Faszination sei eine Form gesellschaftlicher Relevanz. Darüber hinaus forderte er mehr Zivilcourage innerhalb der deutschen Wissenschaft und eine stärkere Präsenz der Wissenschaftskommunikation außerhalb der Städte.
Stefanie Molthagen-Schnöring berichtete von der Sorge vieler Forschender vor öffentlichen Anfeindungen. Als Beispiel nannte sie eine Wissenschaftlerin, die aus Angst vor möglichen Angriffen auf einen Fernsehauftritt verzichtet habe. In diesem Zusammenhang verwies sie auf den Scicomm-Support. Zugleich sprach sie sich dafür aus, Wissenschaftskommunikation stärker innerhalb der Hochschulen zu verankern und die Trennung zwischen interner und externer Kommunikation zu hinterfragen. Auch in wissenschaftlichen Bewertungs- und Anreizsystemen müsse Wissenschaftskommunikation stärker berücksichtigt werden.
Peer Pasternack beschäftigte sich mit der Frage, wie wissenschaftliches Wissen Menschen bei der Gestaltung ihrer Lebensumstände unterstützen könne. Die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus zu vermitteln, sei erlernbar und müsse entsprechend gefördert werden. Zugleich kritisierte er, dass sich die Wissenschaftskommunikation bislang zu wenig verändert habe. Er warnte davor, die Sprache der Politik zu übernehmen. Begriffe wie Transformation würden von Teilen der Bevölkerung mit Zumutungen verbunden. Wissenschaftskommunikation müsse deshalb eine eigenständige Sprache entwickeln und dürfe sich nicht mit politischen Zielsetzungen identifizieren.
Ein herzliches Dankeschön an alle Teilnehmer*innen für den engagierten Austausch und die vielfältigen Perspektiven. Ebenso danken wir den Referent*innen für ihre wertvollen Impulse und Beiträge zum Programm. Vielen Dank an die Alfred Toepfer Stiftung und das WisskommKolleg für die wunderbare Abendveranstaltung! Unser besonderer Dank gilt zudem der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften für die schöne Zusammenarbeit bei der gemeinsamen Ausrichtung sowie für die herzliche Gastfreundschaft. Wir freuen uns darauf, Sie und euch bei der Wisskomm Connected 2028 wiederzusehen!