Wie viel Handlungsmacht hat die Wissenschaft in polarisierten Debatten?

© Simon Esser / Wissenschaft im Dialog
22. April 2026
Lunchtalk „Wissenschaftskommunikation in polarisierten gesellschaftlichen Debatten”

Mit unseren Gästen Prof. Dr. Lily Tonger-Erk und Dr. Nils C. Kumkar haben wir darüber gesprochen, welche Rollen Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation in polarisierten Debatten zugeschrieben werden, wo ihre Legitimität Grenzen findet und welche Handlungsperspektiven sich für sie ergeben.

von Cora Schäfer


„Die Spaltung der Gesellschaft”, „polarisierte Debatten” oder „verhärtete Fronten”, diese und ähnliche Formulierungen tauchen immer wieder in Medienberichten über politische Debatten auf. Welche Rolle spielt dabei die Wissenschaft? Welche Verantwortung tragen Wissenschaftler*innen beim Übermitteln ihrer Forschungsergebnisse einer möglichen Polarisierung entgegenzuwirken? Inwiefern werden Forschungsergebnisse politisiert? Nach dem Wissenschaftsbarometer 2025 nimmt ein Großteil der Befragten eine zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft wahr, während sich diese Wahrnehmung empirisch nicht bestätigen lässt.


Diesen Fragen näherte sich am 14. April der digitale Lunchtalk „Wissenschaftskommunikation in polarisierten gesellschaftlichen Debatten”. Der Soziologe und Autor Dr. Nils C. Kumkar brachte im Herbst das Buch “Polarisierung - Die Ordnung der Politik” heraus und führte mit einem analytischen Input in die Diskussionsrunde ein. Ob man in Microblogs scrollt oder die Zeitung aufschlägt, immer wieder sei man mit politischen Debatten konfrontiert, die implizierten, die Gesellschaft sei in zwei politische Lager geteilt. Unser politisches System unterstütze diese Vereinfachung, sagt Kumkar: „Die Wahlbeteiligung steigt, wenn das Publikum den Eindruck hat, die Parteien, die zur Wahl stehen, stehen sich ideologisch scharf gegenüber.”

Wissenschaftskommunikation im Spannungsfeld wahrgenommener Polarisierung

Wissenschaftskommunikation könne gar nicht anders, als damit zu rechnen, in diese wahrgenommene Polarisierung mit eingerechnet zu werden. In dem Augenblick, in dem wissenschaftliche Beiträge in der Politik zur Argumentation herangezogen werden, würden sie auch polarisiert. Das sei nach Kumkar keine Frage der Enthaltsamkeit. Egal, wie wissenschaftlich neutral und sauber man arbeitet, man könne nur begrenzt kontrollieren, was mit den Äußerungen passiert. Dabei seien die Art und Weise der Kommunikation weniger einflussreich als die institutionellen Rahmenbedingungen und der Faktor, inwiefern die jeweilige Wissenschaft anerkannt wird und was vom Publikum als politische Stellung verstanden wird. Diese Differenz mitzukommunizieren, bleibe eine Herausforderung.

Anschließend präsentierte Maja Kohler (wissenschaftliche Mitarbeiterin WiD-Perspektiven) die Ergebnisse des WiD-Perspektiven-Papiers „Wissenschaftskommunikation in polarisierten gesellschaftlichen Debatten: Rollen, Erwartungen und Handlungsperspektiven”. Es bündelt sechs Rollen und acht Handlungsperspektiven für Forschende, Wissenschaftseinrichtungen und externe Akteur*innen. Demnach präge eine Wahrnehmung von Polarisierung die öffentlichen Debatten, tatsächlich lasse sich aber keine themenübergreifende Spaltung in zwei Lager messen. Polarisierung sei weniger als messbarer Zustand, sondern viel mehr als eine Wahrnehmungs- und Deutungskategorie zu verstehen.

Inwiefern kann Wissenschaft zur Depolarisierung beitragen?

Dieser Frage widmete sich Prof. Dr. Lily Tonger-Erk, Leiterin des Teilprojekts Rhetorik im BMFTR-Projekt „Über Geschlecht und Gender streiten. Konflikt und Konsens als Herausforderung der Wissenschaftskommunikation”. Die Erwartungen an Wissenschaftler*innen seien groß, wie auch das Papier zeige: Zurückhaltung und Neutralität würden demnach ebenso von der Wissenschaft erwartet wie konkrete Handlungsempfehlungen. Dies erfordere eine Rollenreflexion.

Tonger-Erk nähert sich der Frage anhand ihres Forschungsgebiets, der Genderforschung. Diese werde häufig als nicht-wissenschaftlich, ideologisch oder aktivistisch abgestempelt. Sie sei immer wieder mit der Herausforderung konfrontiert, dass man ihre Erklärungen als Aktivismus oder politische Aussage auslegt. In polarisierten Debatten würden komplexe Themen schnell auf ein Dafür und ein Dagegen heruntergebrochen. Dabei werde die gegensätzliche Position tendenziell abgewertet und ein Dialog erschwert. Vor diesem Hintergrund ist Lily Tonger-Erk eine depolarisierende Kommunikation wichtig.

Um Polarisierung vorzubeugen und entgegenzuwirken, versuche Tonger-Erk als Wissenschaftlerin stets auf Studien und wissenschaftliche Grundlagen zu verweisen. Zudem mache sie sich bewusst, womit ihr Gegenüber in der polarisierten Debatte ein Problem hat. Wissenschaftskommunikation sei nicht nur Faktenvermittlung, sondern auch ein persuasives Geschehen, also der Versuch, sozial Einfluss zu nehmen und Einstellungen, Überzeugungen und Verhaltensweisen des Gegenübers zu beeinflussen. Um sein Publikum zu erreichen, könne es helfen, sich bewusst zu machen, mit welchen Erwartungshaltungen, Befürchtungen und vielleicht auch Triggerpunkten es auf einen zukommt. Mit diesem Bewusstmachen werde auch eine Depolarisierung möglich, sagt Lily Tonger-Erk.

Kampf gegen Polarisierung, ein Kampf gegen Windmühlen?

Nils Kumkar hingegen bezweifelt, dass Wissenschaft Polarisierung auflösen könne. Zwar gäbe es viele schlimme Dinge, die mit Polarisierung einhergehen, wie (digitale) Gewalt und die Einschüchterung von Wissenschaftler*innen. Und es sei wichtig, diese Dinge zu kritisieren, findet Kumkar. Das könne man aber genauso gut machen, ohne dabei auf eine Depolarisierung abzuzielen.

Er wendet ein, ob viele der Sorgen um Polarisierung nicht eher mit Akteur-Strategien zusammenhingen, also einem bewussten Handeln von Akteuren, um Einfluss in bestimmten Systemen zu nehmen. Sie betreffen zwar Polarisierung, seien aber nicht identisch mit Polarisierung. Es sei immer auch eine Abwägungssache, ob Wissensvermittlung in einer hitzigen polarisierten Debatte überhaupt hilfreich sein kann, oder man nicht einen Kampf gegen Windmühlen eingehe. Wissenschaft habe die Verantwortung, die Gesellschaft aufzuklären, nicht die Verantwortung, polarisierte Debatten aufzulösen.

Gemeinsame Common Grounds finden

Lily Tonger-Erk sagt, es sei immer eine Option für Wissenschaftler*innen, bei einer reinen Faktenvermittlung zu bleiben. Dabei könne man sich selbst fragen, ob man darüber hinaus auf eine bestimmte Publikumserwartung eingehen möchte. Außerdem habe jede Form der Wissenschaftskommunikation auch eine persuasive Dimension: Wer Fakten vermittle, ordne sie ein, begründe ihre Relevanz, verweise auf die zugrunde liegende Studienlage und verleihe ihnen damit gezielt Gewicht.

Um unterschiedliche Zielgruppen besser zu erreichen und die Nachvollziehbarkeit der Wissensvermittlung zu erhöhen, könne es sinnvoll sein, auf dialogische oder erzählerische Elemente zurückzugreifen. So könnten auch Teile des Publikums mit einer Ablehnungshaltung zum Zuhören überzeugt werden.

Die Rolle der institutionellen Wissenschaftskommunikation

WiD-Geschäftsführer Dr. Benedikt Fecher beleuchtete die Rolle der institutionellen Wissenschaftskommunikation vor dem Hintergrund zunehmender Polarisierung. Angesichts zunehmender Grenzdynamiken, die sich beobachten ließen, bspw. in aufgeladenen politischen Debatten, destruktiven Veränderungen in der Kommunikationstechnologie, im Bereich KI und im Hinblick auf Plattformisierung und Politisierung müsse Wissenschaftskommunikation ein stärkeres Verständnis als Grenzarbeit und -kommunikation entwickeln. Zentrale Fragen seien, was gesichertes Wissen ist, wo Unsicherheit herrscht und ab wann persönliche Bewertung beginnt.

Wichtig für wissenschaftliche Institutionen sei ein Aufbau von Konfliktkompetenz und sich regelmäßig die Frage zu stellen, auf welche Weise man unterschiedlichen Angriffen begegnen kann. Dafür müssten unterstützende Strukturen aufgebaut werden, bspw. über Intermediäre. Zudem könnten Formate dialogischer und moderierter gestaltet werden, ähnlich wie Lily Tonger-Erk betonte, könnten auch mehr Perspektivwechsel mitgedacht werden, um nicht immer nur die gleichen Menschen zu erreichen.

Ist die Vorstellung, gesellschaftliche Positionen in zwei Lager einzuteilen, eine „politische Feldherren-Fantasie”?

Nach einer abschließenden Fragerunde rundet Nils C. Kumkar die Diskussion zusammenfassend ab. Er hebt hervor, dass in öffentlichen Debatten Themen oft schnell zugespitzt und polarisiert werden. Die öffentliche Meinung laufe dabei dieser Debattenpolarisierung hinterher.

Individuelle politische Einstellungen seien sehr viel komplexer, in Detailfragen oft flüchtig und auch die Loyalität zu vermeintlichen „Lagern“ sei sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die Vorstellung, gesellschaftliche Positionen ließen sich klar in feste Lager einteilen, weist Kumkar daher als vereinfachende „politische Feldherren-Fantasie“ zurück, die sich empirisch kaum belegen lasse.

Lily Tonger-Erk schließt mit einer Ermutigung ab: Selbst wenn der große Common Ground in einer Debatte nicht mehr vorhanden sei, könne sich immer noch auf kleinere Common Grounds verständigt werden, um gegenseitig Gehör zu finden.


WiD-Perspektiven
wird gefördert von der Klaus Tschira Stiftung. Dr. Liliann Fischer moderierte den Lunchtalk. Die ganze Aufzeichnung können Sie sich auf Youtube anschauen. Das WiD-Perspektiven-Papier können Sie hier einsehen.