Täuschend echt: Schüler*innen diskutieren über KI und Wahrheit
Im Junior Science Café KI diskutierten Schüler*innen der Oberstufe mit Expert*innen aus Informatik, Rhetorik und Ethik über Künstliche Intelligenz, ob sie ein Bewusstsein hat, wie sie die Arbeitswelt beeinflusst - und was man gewinnt oder verliert, wenn man Kant-Texte „übersetzen“ lässt.
von Hannes Haßmann
Am 12. März 2026 durfte ich am Junior Science Café KI der Hans-Küng-Gemeinschaftsschule teilnehmen – dem ersten seiner Art in Tübingen. Rund 80 Schüler*innen der Oberstufenklassen 12 und 13 kamen im Saal des Rundbaus der Schule zusammen. Zwischen Stuhlreihen und einem kleinen Snacktisch begann die Veranstaltung in einer lockeren Atmosphäre.
Ein wichtiger Aspekt des Formats ist, dass die Schüler*innen selbst entscheiden, welche Wissenschaftler*innen und Expert*innen sie einladen – und was überhaupt das Thema des Cafés ist. Hier gingen die Schüler*innen all in mit dem Titel „Täuschend echt – KI beeinflusst unsere Wahrheit“. Die Moderation lag vollständig in den Händen der Schüler*innen. Sie stellten das Format vor, präsentierten die eingeladenen Expert*innen und erklärten den Ablauf des Vormittags.
Verschiedene Perspektiven auf Wahrheit und KI
Was bedeutet Wahrheit im Zeitalter von KI? Wie beeinflusst KI die Wahrnehmung von Wahrheit? Um diese Fragen zu beleuchten, luden die Schüler*innen vier Expert*innen ein, die ganz unterschiedliche Perspektiven auf KI mitbrachten: Fee Arnold und Johannes Freyer vom Institut für Demokratie und Künstliche Intelligenz in Tübingen, Dr. Jos Höll von der Informatik-Fakultät der Hochschule Reutlingen und Dr. Lou Theresa Brandner vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen.
Nach einer kurzen Einführung im Plenum begann der zentrale Teil des Cafés: die Diskussionen mit den Expert*innen. Die Expert*innen gingen jeweils in einen Raum, in dem sie mit einer Gruppe von etwa 20 Schüler*innen für 45 Minuten diskutierten. Auch hier moderierten die Schüler*innen die Gespräche. Für jeden Gast hatten sie Fragen vorbereitet. Es wurden viele Rückfragen gestellt und ab und zu auch abseits des Skripts über Erwartungen an die KI und über die Beziehung zwischen KI und Wahrheit gesprochen.
Was meinen wir eigentlich, wenn wir KI sagen?
In der Diskussion mit Johannes Freyer ging es unter anderem um eine grundlegende Frage: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Künstlicher Intelligenz“ sprechen? Der KI-Begriff selbst trägt bereits dazu bei, dass generativen Systemen manchmal Bewusstsein zugeschrieben wird, sei es implizit oder explizit. Freyer schlug vor, den Begriff der intelligence gar nicht erst mit Intelligenz zu übersetzen, sondern eher im Sinne von Nachrichtendienst oder Informationsaufbereitung – das veranschaulichte er am Beispiel der Central Intelligence Agency (CIA). Freyer gab auch eine Faustregel für den Umgang mit möglichen Deepfakes mit auf den Weg – gerade weil solche Inhalte immer schwerer zu erkennen sind: Ist der Inhalt plausibel? Lässt er sich faktisch nachprüfen? Wird man emotional davon angesprochen oder bewegt, etwas Bestimmtes zu tun?
Überzeugungskraft – und der Wert des Selbstgemachten
Fee Arnold, die auch als Rhetoriktrainerin arbeitet, wurde nach ihrer Perspektive auf das Thema KI und Überzeugungskraft gefragt: Wie wäre eine Rede zu bewerten, die überzeugender als eine andere ist – aber vollständig von einer KI geschrieben wurde? Darauf antwortete sie unter anderem mit einer spannenden Gegenfrage: Wie verhalte sich der Wert eines selbstgebackenen Kuchens zu einem ‚besseren‘ gekauften? Gerade das Menschliche habe einen Wert für sich, den das ‚Perfekte‘ nicht automatisch habe.
In der Diskussion mit dem Informatiker Jos Höll ging es unter anderem um mögliche Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt. Gleichzeitig wurde darüber gesprochen, was es eigentlich bedeutet, wenn KI unsere Wahrnehmung von Wahrheit beeinflusst. Unser Verständnis von Wahrheit entstehe auch dadurch, dass wir darüber sprechen und gemeinsam darüber nachdenken, sei es im Rahmen eines Science Cafés oder in einem anderen Kontext.
Im Gespräch mit Lou Theresa Brandner standen ethische Fragen rund um KI im Recruiting im Mittelpunkt. Für Oberstufenschüler*innen, die in den kommenden Jahren selbst Bewerbungsprozesse durchlaufen werden, ist das ein Thema mit unmittelbarer Relevanz. Diskutiert wurde unter anderem darüber, was mit Bewerbungsdaten passiert, wenn sie in KI-Systemen weiterverarbeitet werden und wie sich mit algorithmischem Bias umgehen lässt. Die Schüler*innen sprachen auch darüber, ob das Risiko einer Entmündigung durch automatisierte Entscheidungen besteht und welche Folgen es hat, wenn KI in Auswahlverfahren eingesetzt wird.
Viele Fragen, viel Beteiligung
Immer wieder brachten die Schüler*innen eigene Erfahrungen mit KI-Systemen in die Diskussion ein und äußerten sich sehr kritisch und reflektiert: Fernab von übertriebenen Heilsvorstellungen oder kategorischer Ablehnung durfte ich Menschen beim Diskutieren zuhören, die etwa 14 oder 15 Jahre alt waren, als der anhaltende Hype – und die anhaltende Panik – um generative KI mit der breiten Verfügbarkeit von OpenAIs Chatbot (ChatGPT) ausbrach. Vor diesem Hintergrund wurden auch reflexive Potenziale rund um das Thema KI angeregt, etwa bei der Frage: Was gewinnt man, was verliert man, wenn man sich einen stilistisch allzu sperrigen Kant-Text ‚übersetzen‘ lässt?
In vielen Gesprächen wurde deutlich: Die entscheidende Frage für die Schüler*innen war nicht, ob KI unsere Wahrnehmung von Wahrheit beeinflusst – sondern wie. Und welche Folgen das für Gesellschaft und Demokratie haben kann. Dazu sagte Fee Arnold: „Gute Fragen werden in Zukunft wichtiger für euch sein als gute Antworten: Behaltet euch diesen wichtigen Future Skill bei!“
Nach den Diskussionen kamen alle noch einmal im Plenum zusammen und die wichtigsten Gedanken aus den Gruppen wurden stichwortartig zusammengetragen.
Während des gesamten Junior Science Café KI wurde für mich das Engagement der Schüler*innen sichtbar: Die Diskussionen waren lebendig und die Fragen pointiert auf die jeweilige Fachrichtung der Expert*innen zugeschnitten.
Die Expert*innen scheuten sich dabei nicht, auch komplexe Themen anzusprechen und bewiesen, dass sich auch voraussetzungsreiche Inhalte, seien sie eher ethisch oder eher technisch geprägt, mit ausreichender Zielgruppenorientierung sehr verständlich vermitteln lassen.
Ein herzlicher Dank an das Schüler*innen-Projektteam für die Organisation und an die Lehrkräfte Hannah Beck und Patrick Becker, die die Veranstaltung initiiert und im Hintergrund unterstützt haben.
Das Junior Science Café KI ist ein Projekt von Wissenschaft im Dialog, das mit dem thematischen Schwerpunkt „Künstliche Intelligenz“ seit 2022 in Kooperation mit dem Zentrum für rhetorische Wissenschaftskommunikationsforschung zur Künstlichen Intelligenz (RHET AI Center) unter der Förderung der VolkswagenStiftung umgesetzt wird. Das Projekt richtet sich an Schüler*innen ab Klassenstufe 8 aller weiterführenden Schulformen.
Hannes Haßmann ist studentische Hilfskraft am RHET AI Center. In der Unit Public Engagement/Events war er unter anderem am Bürger*innenrat „KI und Freiheit“ und an der Planung und Durchführung verschiedener Wisskomm-Formate beteiligt.