Ein Streifzug durch die interaktive Ausstellung der MS Wissenschaft
Seit rund einem Monat ist die MS Wissenschaft im Rahmen des Wissenschaftsjahr 2026 – Medizin der Zukunft mit einer großen Schiffsladung aktueller Forschung unterwegs. Ein Streifzug durch die interaktive Ausstellung zeigt, wie aktuelle Medizinforschung dank vielfältiger auditiver, haptischer und visueller Darstellungen zugänglich wird.
von Hanna Strub
Medizinforschung ist nicht nur wichtig, sondern mitunter auch sehr schön: Das zeigen große Bilder von bunt leuchtenden Zellen im Eingangsbereich der Ausstellung. Was sich genau hinter den intensiven Farben der Aufnahmen aus Charité-Laboren verbirgt, dürfen die Besucher*innen erraten und dabei mehr über die Gewebebilder lernen. Weiter auf dem Weg in die Ausstellung passieren die Besucher*innen einen Spiegeltunnel, in dem sie ihren Körper aus verschiedenen Blickwinkeln und unendlich oft reflektiert sehen. „Der Raum ähnelt einem futuristischen Körperscanner. Die unscharfen Spiegel erzeugen Irritation und lassen alles vage erscheinen. So soll der Spiegeltunnel dazu anregen, über Gesundheitsdaten nachzudenken, die viele von uns bereits heute beispielsweise über Fitness-Armbänder aufzeichnen”, erläutert Andreas Matthes von der diesjährigen Ausstellungsagentur kocmoc in Leipzig. Der große Ausstellungsraum dahinter ist von großen Bögen gerahmt, die an die Doppelhelix-Struktur unserer DNA erinnern sollen. „Unser genetischer Bauplan in den Chromosomen verbindet uns Menschen. Daher ist die Ausstellung in die doppelten Helixbögen integriert. Der unsichtbare Teil unter dem Boden spiegelt sich in der weiterführenden Struktur, wie auf einer Wasseroberfläche”, so Matthes.
Die Bögen und die Struktur auf dem Boden sind in drei Farben voneinander abgegrenzt, da die Ausstellung die medizinische Forschung auf drei Ebenen beleuchtet. Von den kleinsten Vorgängen in den Zellen über das Zusammenspiel von Körper, Psyche und neuen Technologien bis hin zur Frage, wie Gesellschaft und Umwelt unsere Gesundheit prägen: „Wir weiten den Blick immer mehr und zoomen aus dem Inneren des Körpers heraus“, erläutert Babette Jochum, die Projektleiterin der MS Wissenschaft bei WiD.
Neben den 29 Exponaten der Ausstellung gibt es in jedem Ausstellungsbereich eine Forschungsstation. Mit einer Science Card, die sie am Infotresen erhalten, können die Besucher*innen einen Barcode scannen und dann jeweils ein kleines Quiz und ein Spiel absolvieren, wahlweise zu Demenz, Endometriose oder Diabetes Typ 1. „Ziel der Stationen ist es, zukunftsweisende Forschungsansätze zu Krankheiten zu zeigen, die in der Bevölkerung weit verbreitet sind”, erläutert Babette Jochum. „Zu jeder Krankheit erklären wir auf jeder Ebene der Ausstellung einen Forschungsansatz. So zeigen wir, dass die Forschungslandschaft vielfältig und vielschichtig ist und die Heilung von Krankheiten auf unterschiedlichen Ebenen angegangen wird”, so Jochum.
„Fakten zu lesen ist das eine, sie hautnah zu erleben das Entscheidende”
Zu Beginn der Ausstellung stehen moderne Therapien gegen Krebs und Keime im Fokus. Am Exponat des Universitätsklinikum Würzburg und dem Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie sind die Besucher*innen eingeladen, gentechnisch veränderte Zellen durchs Mikroskop zu beobachten. Anschließend können sie auf einem großen Touchscreen spielerisch Krebszellen bekämpfen, indem sie Immunzellen genetisch so verändern, dass sie die Krebszellen erkennen und lahm legen können. Am Exponat der Fachhochschule Münster können die Besucher*innen die Krebszellen verschiedener Patient*innen mit unterschiedlichen Medikamenten kombinieren. Ein Nano-Diamant arbeitet hier wie ein kleiner Detektiv und zeigt an, wie gut ein Krebsmedikament wirkt. „Alle Sachen, die man hier sieht, sind auch bei uns im Labor vertreten”, versichert die Quantentechnologie-Forscherin Marina Peters.
In einer Art bunten Bällebad im Glaskasten können bis zu drei Besucher*innen gleichzeitig nach medizinischen Bodenschätzen graben. „Wir haben das Problem, dass durch die zunehmende Ausbreitung antibiotischer Resistenzen die bisherigen Wirkstoffe an Wirksamkeit verlieren. Daher nutzen wir Myxobakterien, die im Boden leben, um Antibiotika zu entwickeln”, erläutert Dr. Yannic Nonnenmacher vom Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung Saarland den Hintergrund der Forschung. Wer im eigenen Garten oder beim nächsten Spaziergang selbst nach wertvollen Bodenbakterien suchen möchte, kann sich am Infotresen ein Probenset mitnehmen und die Bodenprobe einsenden. Wer weiß – vielleicht ist ein neuer Naturstoff dabei, der zukünftig bakterielle Infektionen wie Tuberkulose bekämpfen kann. Der oder die Finder*in würde bei der Namensgebung des neuen Medikaments berücksichtigt werden, verspricht Nonnenmacher.
Besonders bei Kindern beliebt ist das Exponat des Leibniz-Instituts für Neue Materialien in Saarbrücken: Die neunjährige Ruth wartet geduldig, bis sie an der Reihe ist, um das große Auge in Gestalt eines Sitzballs durch den digitalen Parcours zu rollen. „Es macht richtig Spaß, die Hindernisse zu überwinden und etwas über die Geschichte der Kontaktlinse zu lernen”, sagt sie, nachdem sie am Ende des Parcours in nur 60 Sekunden erfolgreich die Hyaluronsäure zum Befeuchten auf dem virtuellen Auge verteilt hat. Das begeistert auch Kerstin, 63 Jahre, die mit ihrer Enkelin und zwei ihrer Freundinnen in die Ausstellung gekommen ist. „Das Schöne ist, dass die Kinder hier Wissen hautnah erfahren können. Die objektiven Fakten zu lesen, ist das eine, sie hautnah zu erleben, ist für Kinder das Entscheidende”, weiß die ehemalige Lehrerin aus Bernau.
Ins Licht gerückt: Geschlechtersensible Medizin
Historisch gesehen wurde sehr viel Forschung an männlichen Körpern durchgeführt. Das hat zur Folge, dass weniger Wissen zur Entstehung und Behandlung von Erkrankungen bei Frauen vorhanden ist. Für eine gendersensible Medizin ist es notwendig, diese spezifische Datenlücke, die Frauen und geschlechterdiverse Personen betrifft, zu schließen. Das Exponat „Herz (m/w/d)” der Agentur kocmoc und Wissenschaft im Dialog in der Mitte der Ausstellung verdeutlicht am Beispiel von Herz-Kreislauf-Erkrankungen die fatalen Folgen dieses Gender-Data-Gaps und zeigt auf, was wir dagegen tun können. Durch eine blaue Folie können die Besucher*innen die Ausgangslage der heutigen Medizin betrachten. Wenn sie denselben Text durch eine rote Folie lesen, erfahren sie, wie eine geschlechtersensible Medizin von Morgen aussehen könnte. In der Audiotour durch die Ausstellung kommt Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione zu Wort. Die Ärztin forscht an der Universität Bielefeld zu geschlechtersensibler Medizin. Für die die Zukunft wünscht sie sich: „Bei jedem ärztlichen Kontakt sollten Menschen in ihrer individuellen Besonderheit wahrgenommen werden und die Therapien sollten so gut wie nur möglich anknüpfend an die Bedürfnisse der Personen ausgerichtet werden können”.
„Prävention fängt auf dem eigenen Esstisch an“
Zu wenig Bewegung, chronischer Stress und eine zucker- und fettreiche Ernährung: „Viele kleine Entscheidungen haben Auswirkungen auf unsere Gesundheit und können zu nicht übertragbaren Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen”, sagt Theresa Vonderheit von der Universität Bonn. In ihrem wie ein Kiosk gestalteten Exponat finden die Ausstellungsgäste gesundheitlich unbedenkliche Wissenshappen in Form von Erklärvideos und Zeitungen, die die Aktualität des Themas symbolisieren.
„Prävention fängt auf dem eigenen Esstisch an“, weiß auch Dr. Lars Winterberg vom Bundeszentrum für Ernährung in Bonn. Neben ihm liegt ein großer Plastikburger mit vier Schichten im Brot: „Mit Blick auf die Zielgruppe von Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren haben wir das Lebensmittel Burger gewählt.“ Jüngere wie ältere Besucher*innen können sich, je nach Vorlieben, ihre Burger belegen, beispielsweise mit einem Rindfleisch-, Veggie- oder Insekten-Patty belegen. Ihre Wahl wird einer Auswertung unterzogen und sie erfahren, wie gesund ihr Burger für sie selbst und die Umwelt ist. „Wir schreiben niemandem etwas vor, sondern geben Tipps und stupsen an, darüber nachzudenken, dass unser Essen etwas mit unserem Körper und unserem Planeten zu tun hat”, betont Winterberg.
Zusammenspiel von Mensch und neuen Technologien
In der modernen Medizin wird das Zusammenspiel zwischen Menschen und neuen Technologien, allen voran Künstlicher Intelligenz, immer wichtiger. Am Exponat der Universität zu Lübeck und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein können Besuchende mittels Ultraschall nach einem Knochenbruch im Arm suchen - wahlweise mit oder ohne Unterstützung durch KI . Die KI-gestützte Bilderkennung basiert auf rund 300 Datensätzen von Kindern, die im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein behandelt wurden. Dem dortigen Facharzt für Kinderchirurgie Ludger Tüshaus liegt besonders am Herzen, dass das Exponat Kindern zeigt, was mit ihren Daten passiert und wie deren Nutzung ihnen zugutekommt, weil sie beispielsweise zukünftig seltener geröntgt werden müssen. „Statt Schutz vor Forschung, sehe ich vor allem einen Schutz durch Forschung”, sagt Tüshaus mit Blick auf den Umgang mit Gesundheitsdaten junger Patient*innen. Für seinen Kollegen Christoph Großbröhmer von der Universität zu Lübeck ist es „das berufliches Highlight des Jahres auf der MS Wissenschaft auszustellen“ und so viele junge Besucher*innen mit seiner Forschung zu erreichen.
Digitale Anwendungen können auch neue Zugänge zur psychischen Gesundheit eröffnen. Am Ende des Ausstellungsraums lädt ein KI-gestützter Gesprächspartner namens Elderbot zum Dialog ein. Er wurde vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf für ältere Leute entwickelt, die unter Einsamkeit leiden. Auf der MS Wissenschaft werden neben älteren Besucher*innen nun vor allem Schüler*innen im Ohrensessel Platz nehmen und das Gespräch suchen.
Das Ausstellungsschiff MS Wissenschaft tourt im Auftrag des Bundesforschungsministeriums zwischen Mai und September 2026 durch 36 große und kleine Orte in Deutschland, Polen und Österreich. Alle Tourdaten und Infos zum Besuch sind auf der Website der MS Wissenschaft zu finden.