Was Wissenschaftsbarometer über unsere Gesellschaft erzählen – und was nicht
Im Lunchtalk "Science Barometer in Conversation" ging es um die Frage, was Wissenschaftsbarometer über unsere Gesellschaft erzählen können – und was nicht. Georgios Papanagnou stellte das Eurobarometer vor, Jörg Weiss und Melanie Smallman kommentierten. Liliann Fischer moderierte die Veranstaltung.
von Simon Esser
Wie steht die Bevölkerung zu Wissenschaft und Forschung – und warum ist das überhaupt relevant? Mit dieser Frage beschäftigte sich der aktuelle Lunchtalk der Reihe "Science Barometer in Conversation". Ausgangspunkt der Diskussion waren Ergebnisse des Eurobarometers zu Wissen und Einstellungen gegenüber Wissenschaft und Technologie in Europa. Gemeinsam diskutierten Vertreter*innen aus Wissenschaft, Politik und Praxis darüber, welche Erkenntnisse solche Umfragen liefern – und wo ihre Grenzen liegen.
Zwischen Vertrauen und Verunsicherung
Georgios Papanagnou von der Europäischen Kommission stellte zentrale Ergebnisse der europaweiten Befragung Eurobarometer vor. Grundsätzlich bleibe das Vertrauen in Wissenschaft hoch: 83 Prozent der Befragten vertrauen Wissenschaft und die überwältigende Mehrheit von Personen bewertet den Einfluss von Wissenschaft und Technologie positiv. Forschende selbst würden überwiegend als intelligent, ehrlich und kompetent wahrgenommen.
Kritischer bewerteten viele Befragte hingegen die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen von Wissenschaft. So seien zunehmend mehr Menschen der Ansicht, dass Wissenschaft und Technologie zwar theoretisch allen zugutekommen könnten, in der Praxis aber vor allem diejenigen profitierten, die ohnehin bereits privilegiert seien. Fast drei Viertel der Europäer*innen seien der Ansicht, dass Regierungen dafür verantwortlich seien, sicherzustellen, dass neue Technologien allen Menschen zugutekommen. Auch die Sorge, wissenschaftlicher Fortschritt verändere das Leben zu schnell oder könne Grundrechte gefährden, nehme zu.
Papanagnou betonte zudem, dass viele Menschen grundsätzlich mehr über wissenschaftliche Entwicklungen erfahren möchten, im Alltag jedoch auf strukturelle Hürden stoßen. Fehlende Zeit oder mangelndes Vorwissen erschwerten häufig die aktive Auseinandersetzung mit Wissenschaft. Die Ergebnisse machten damit auch soziale Unterschiede beim Zugang zu wissenschaftlicher Information sichtbar. Einstellungen zu Wissenschaft seien immer auch von Fragen nach Macht, Werten, Interessen und gesellschaftlicher Verantwortung geprägt. Vertrauen lasse sich deshalb nicht allein durch bessere Kommunikation oder mehr Wissenschaftswissen herstellen.
Warum Vertrauen allein nicht ausreicht
Jörg Weiss, Geschäftsführer von con gressa und Direktor der European Science Engagement Association (EUSEA), warb dafür, den Fokus der Debatte zu erweitern. Aus seiner Sicht gehe es nicht in erster Linie darum, ob Menschen Wissenschaft grundsätzlich vertrauen. Eine Gesellschaft, die Wissenschaft lediglich vertraue, sei nicht automatisch auch wissenschaftlich engagiert oder informiert. Entscheidend sei vielmehr, wie wissenschaftliches Wissen tatsächlich in den Alltag, in Entscheidungen und in konkretes Handeln einfließe. Es brauche ein besseres Verständnis dafür, wie Menschen Meinungen bilden, Informationen bewerten und Entscheidungen treffen.
Vor dem Hintergrund plädierte er dafür, Umfragedaten stärker mit qualitativen Erkenntnissen zu ergänzen. Zahlen allein könnten zwar Trends sichtbar machen, erklärten aber nicht, warum Menschen bestimmte Einstellungen entwickeln oder welche Erfahrungen ihr Verhalten prägen. Gerade für die Praxis der Wissenschaftskommunikation seien solche Einblicke wichtig.
Zudem sei unklar, welche Bevölkerungsgruppen Wissenschaftskommunikation überhaupt erreicht. Gerade Menschen in ländlichen Regionen oder mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen seien in vielen Formaten bislang wenig sichtbar. Umfragen könnten hier helfen, Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen stärker in den Blick zu nehmen und Wissenschaftskommunikation gezielter an unterschiedliche Lebensrealitäten anzupassen.
Wissenschaft als „schlechter Nachbar“?
Melanie Smallman, Professorin für Science and Technology Studies am University College London, betonte, dass öffentliche Einstellungen zu Wissenschaft immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Erfahrungen seien. Skepsis gegenüber Wissenschaft entstehe häufig dort, wo Menschen den Eindruck hätten, dass technologische Entwicklungen Ungleichheiten verschärften oder soziale Folgen nicht ausreichend mitgedacht würden.
Um diese Dynamik zu beschreiben, verwendete Smallman das Bild vom „schlechten Nachbarn“. Wissenschaft und technologische Innovationen liefen Gefahr, gesellschaftliche Probleme zu erzeugen, deren Folgen andere ausbaden müssten. Forschende und Entwickler*innen müssten deshalb stärker Verantwortung für die gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Arbeit übernehmen – etwa im Umgang mit Künstlicher Intelligenz oder automatisierten Technologien.
Smallman betonte zugleich, dass Vertrauen nicht allein eine Eigenschaft der Bevölkerung sei. Vertrauen sei immer auch davon abhängig, wie Wissenschaft organisiert werde und wie Institutionen handelten. Wissenschaftliche Krisen oder politische Fehlentscheidungen könnten Vertrauen ebenso beeinflussen wie Kommunikationsstrategien. Entscheidend sei deshalb nicht nur, wie über Wissenschaft gesprochen werde, sondern auch, wie verantwortungsvoll Wissenschaft tatsächlich agiere.
Was Umfragen sichtbar machen können – und was nicht
In der Diskussion wurde außerdem deutlich, wie schwierig der Begriff „Vertrauen in Wissenschaft“ überhaupt zu fassen ist. Die Teilnehmenden fragten, ab wann von einer Vertrauenskrise gesprochen werden könne – und ob ein uneingeschränktes Vertrauen überhaupt wünschenswert sei. Wissenschaftliche Skepsis müsse nicht automatisch wissenschaftsfeindlich sein, sondern könne auch Ausdruck kritischer Auseinandersetzung sein. Entscheidend sei daher weniger die Höhe des Vertrauens als die Frage, wie reflektiert und informiert gesellschaftliche Debatten über Wissenschaft geführt werden.
Zum Abschluss wurde hervorgehoben, wie wertvoll langfristige Datensätze wie das Science Barometer für Forschung und Wissenschaftskommunikation sind. Auch wenn einzelne Ergebnisse nicht immer eindeutig interpretierbar seien, ermögliche erst die kontinuierliche Erhebung über viele Jahre hinweg, gesellschaftliche Veränderungen sichtbar zu machen und Entwicklungen besser einzuordnen. Gerade in Zeiten schneller technologischer und politischer Veränderungen seien solche Daten eine wichtige Grundlage für Forschung, Wissenschaftskommunikation und öffentliche Debatten.
Zur Aufzeichnung des Lunchtalks (auf YouTube)
Über das Wissenschaftsbarometer
Die digitale Lunchtalk-Serie des Wissenschaftsbarometer beleuchtet Einstellungen zu Wissenschaft und Forschung und reflektiert diese vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen. Dabei werden Expert*innen aus Forschung und Praxis der Wissenschaftskommunikation sowie aus Politik und Medien eingeladen, um die Bedeutung der Ergebnisse des Wissenschaftsbarometer für die jeweiligen Bereiche zu beurteilen.
Das Wissenschaftsbarometer erhebt seit 2014 bevölkerungsrepräsentativ die Einstellungen der Menschen in Deutschland gegenüber Wissenschaft und Forschung. Das Projekt wird gefördert und unterstützt von der Carl-Zeiss-Stiftung und der Fraunhofer-Gesellschaft.