Grundlagen verhandeln, nicht Stichworte zur Rettung der Welt austauschen

Thomas Ramge im Studio. Er trägt einen schwarzen Pullover. Vor ihm ein Mikrofon, auf der linken Seite eine Kamera.
Thomas Ramge | © Thomas Ramge
02. März 2026

Lange Gespräche mit sehr klugen Köpfen aus der Forschung – das verspricht der Podcast „Tiefes Wissen“ von Thomas Ramge. Im Interview spricht der Wissenschaftsjournalist über die Ziele des Podcasts und erklärt, warum es ein Longform-Format braucht.

von Ursula Resch-Esser

Podcasts boomen, und auch aus der Wissenschaft gibt es ein vielfältiges Angebot. Was unterscheidet „Tiefes Wissen“ von anderen Podcasts in diesem Bereich?

Ich selbst höre viele englischsprachige Interviewpodcasts mit Wissenschaftlern oder Sachbuchautoren: „Dwarkesh“, „Lex Fridman“, die „Ezra Klein Show“. Natürlich gibt es auch gute deutsche Interviewpodcasts wie „Tonspur Wissen“ mit Ursula Weidenfeld, der aber recht kurz ist. Bei langen, tiefen Gesprächen mit wirklich klugen Köpfen aus Wissenschaft und Sachbuch ist das Podcastangebot auf Deutsch in meiner Wahrnehmung recht dünn. Ich hoffe, dass ich hier eine Lücke füllen kann. Und die Reaktionen und Zahlen nach den ersten drei Monaten ermutigen mich.

Warum braucht es ein Longform-Format?

Weil die Welt kompliziert ist.

Was heißt das?

Genau das. Die Welt lässt sich nicht in Soundbites erklären oder in Tagesthemen-Interviews reflektieren. Natürlich ist es wichtig, dass Wissenschaftskommunikation auch komplizierte und komplexe Sachverhalte auf den Punkt bringen kann. Aber im Idealfall ist das der Appetithappen, der neugierigen Menschen Lust macht, in die Tiefe zu gehen. Forschende brauchen den Raum und die Zeit, um ihre Erkenntnisse und deren Relevanz für Wissenschaft und Lebenswelt sinnvoll beschreiben und kontextualisieren zu können. Da bleibt auch bei zwanzig oder dreißig Minuten zu viel auf der Strecke. Beim Videopodcast ist die lange Form die Bühne für alle, die tiefes Wissen teilen wollen und dabei nicht ständig vor die Wahl gestellt werden: Ich muss in klassischen Medien oder kurzen Formaten die Dinge entweder so zuspitzen, dass Wesentliches verloren geht. Oder ich werde nicht gesehen und gehört. Der Erfolg von Langformat-Videopodcasts insbesondere in den USA zeigt: Es geht. Mit langen tiefgründigen Gesprächen.

An wen richtet sich der Podcast?

Meinen Gästen sage ich vor der Aufnahme immer: Wir sprechen jetzt zu klugen Menschen, meist auch studiert oder autodidaktisch gebildet, die aber nicht von deinem Fach sind. Aus den Rückmeldungen erfahre ich: Viele meiner Zuschauerinnen und Zuschauer sind die üblichen Verdächtigen von Wissenschaftspodcasts: Studierende, Lehrende und Forschende sowie Leute aus technischen Berufen. Aber auch Oberstufenschüler und Menschen im Ruhestand. Letztere sind ja naturgemäß eine interessante Zielgruppe für mich, weil sie Zeit haben und auch viele wissenschaftsnahe Sachbücher lesen.

Welches Ziel verfolgst du damit?

Eigentlich sind es drei Ziele. Ich möchte erstens eloquenten Forschenden, Autorinnen und Autoren eine möglichst große Bühne bauen, auf der sie sich die Zeit nehmen können, ihr Wissen in der nötigen Tiefe zu teilen. Ich möchte zweitens eine Quelle für alle Wissbegierigen schaffen, bei der sie Zugang zum Stand der Wissenschaft in allen wichtigen Disziplinen finden und dabei Spaß beim Zuschauen und Zuhören haben. Drittens möchte ich selbst viel lernen, inhaltlich in der Vorbereitung und auch während der Gespräche. Und auch bezogen auf die Gesprächsführung: Also wie kann ich der bestmögliche Interviewer für Forschende werden?

Johannes Vogel, Direktor des Museums für Naturkunde, bei der Aufnahme des Podcast „Tiefes Wissen“ im Museum
Auch Johannes Vogel, Direktor des Museums für Naturkunde, war zu Gast im Podcast „Tiefes Wissen“ | © Thomas Ramge

Welche Rolle spielen die großen Herausforderungen der Gesellschaft – wie etwa KI, Klimawandel und die Bedrohung der Demokratie – im Gespräch mit deinen Gästen, die auf so unterschiedlichen Gebieten wie Mathematik und Quantenphysik, aber auch Geschichte und Sozialwissenschaften forschen?

„Tiefes Wissen“ ist per se kein politischer Podcast. Und ich möchte auch keine Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einladen, die durch ihre Fähigkeiten der Zuspitzung regelmäßig bei Lanz sitzen und als Personen bei „Scientists for Future“ ihre Kampagnenfähigkeit unter Beweis gestellt haben. Bitte nicht falsch verstehen: Ich habe dagegen nichts. Aber für diese Art der Wissenschaftskommunikation gibt es ausreichend viele Podcasts, auch sehr gute, zum Beispiel den Krisenpodcast der ZEIT. Mich interessiert die Ebene dahinter. Wenn Jürgen Renn bei mir Gast ist, dann sprechen wir natürlich über die Frage: Welche Beiträge kann die Geoanthropologie leisten, damit das Anthropozän nicht die letzte erdgeschichtliche Epoche mit menschlicher Zivilisation wird. Denn das ist ja der Kern seiner Forschung im neuen Max-Planck-Institut in Jena. Und natürlich spreche ich mit dem Direktor des Museums für Naturkunde, Johannes Vogel, nicht nur über das Sexleben der Farne, zu dem er lange geforscht hat, sondern auch über Lösungsansätze gegen das Artensterben. Und mit Gesche Joost über das Verhältnis von Design und Macht. Aber wichtig ist mir: In den Gesprächen sollen erst einmal die Grundlagen verhandelt werden und nicht die oberflächlichen Stichworte der Lösungen zur Rettung der Demokratie oder Welt ausgetauscht werden, die wir alle schon oft gehört haben.

Kommen auch die Wissenschaftskommunikation und die Erfahrungen, die deine Gäste damit gemacht haben, im Podcast zur Sprache?

Wenn es sich anbietet, selbstverständlich. Mit Sascha Friesike vom Weizenbaum-Institut habe ich natürlich über sein herausragendes sozialwissenschaftliches YouTube-Format „Menschen und Muster“ gesprochen. Bei dem Göring-Biografen Andreas Molitor, einem Geschichtsjournalisten mit sehr tiefem Wissen über den Nationalsozialismus, kam die Frage auf: Warum sind angelsächsische Historiker so viel bessere und packendere Erzähler als deutsche? Bei meinen Gästen gibt es natürlich einen Selection Bias: Wer sich als Gast darauf einlässt, mit mir zwei bis drei Stunden über seine Forschung zu sprechen, hat immer ein intrinsisch hohes Interesse an Wissenschaftskommunikation. Da bleiben Ausflüge auf die Metaebene der WiKo natürlich nicht aus. Aber es sollen eher Ausflüge bleiben.

Was hat dich in den ersten Folgen am meisten überrascht, welche Learnings nimmst du mit?

Wie leicht es war, so tolle und prominente Gäste davon zu überzeugen, mir ihre Zeit zu schenken – natürlich auch dank der Kooperation mit Wissenschaft im Dialog. Auch Christian Kobsda von der Max-Planck-Gesellschaft hat mich in der Startphase sehr unterstützt. Tausend Dank. Die ersten Gäste haben einen halben Arbeitstag investiert, obwohl der Kanal ja gerade erst gestartet ist und sie gar nicht wussten, ob überhaupt jemand zuschaut oder zuhört. Dafür bin ich sehr dankbar. Und dann habe ich die Bedeutung von sogenannten „Shorts“ vollkommen unterschätzt.

Was ist das genau?

Das sind kurze Ausschnitte aus den Gesprächen, die der Youtube-Algorithmus dann potenziell Interessierten zuspielt. Diese Shorts produziere ich teilautomatisiert mit einem KI-Tool. Ich mache sie relativ lang, nämlich zwei bis drei Minuten, sodass der Gast einen Gedanken zumindest für einen Short ausreichend tief ausformulieren kann. Und die spiele ich dann nicht nur auf dem Tiefes-Wissen-Youtube-Kanal aus, sondern auch auf Instagram, Facebook und demnächst auch auf Tiktok. Mit diesen Shorts erreicht „Tiefes Wissen“ allein auf YouTube schon jetzt 30.000 Views pro Monat, über alle Plattformen hinweg schon über 100.000. Drei-minütige Auskopplungen waren nicht mein Ausgangsgedanke beim Aufsetzen eines Longform-Interview-Podcasts. Doch jetzt sind diese Schnipsel wissenschaftlichen Wissens aus meiner Sicht ein großer zusätzlicher Wert.

Sechs Folgen sind mittlerweile veröffentlicht – wie geht es weiter?

Die siebte Folge ist bereits aufgezeichnet und gerade im Schnitt: Andreas Molitor mit seiner Göring-Biografie. Bei den Gästen bin ich jetzt auf der Suche nach klugen Köpfen aus wissenschaftlichen Feldern, die ich noch nicht hatte, zum Beispiel Ökonomie, Medizin, Chemie oder Astrophysik. Und dann muss ich wohl langsam das Thema der Finanzierung angehen, Sponsoren suchen und bei Stiftungen anklopfen. Bisher ist „Tiefes Wissen“ ja ein schönes aber recht teures Hobby von mir. Wenn es mir gelingt, eine halbwegs anständige wirtschaftliche Basis für „Tiefes Wissen“ zu schaffen, werde ich künftig zwei Folgen pro Monat produzieren. Zudem plane ich die ersten Live-Podcast-Aufnahmen vor Publikum. Auch hier sind Kooperationspartner sehr willkommen.

Dr. Thomas Ramge ist Sachbuchautor und Podcaster. Er forscht als Assoziierter Wissenschaftler am Einstein Center Digital Future. Promoviert hat Ramge in Techniksoziologie zu KI-gestützter Entscheidungsfindung. Seit November betreibt der gelernte Radiojournalist den Video-Podcast „Tiefes Wissen“ – zu finden auf Youtube und allen gängigen Podcastplattformen. Wissenschaft im Dialog ist Kooperationspartner des Podcasts „Tiefes Wissen“.